Folge 4: Arbeit und Freizeit
Shownotes
🎙️ Folge 4: Arbeit und Freizeit
Wie haben sich Arbeit und Freizeit im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert? In dieser Folge geht es um den Wandel von der landwirtschaftlich geprägten Arbeitswelt auf dem Bauernhof hin zur Fabrikarbeit und zu neuen Zeitstrukturen im Alltag.
Zu Gast ist Simone Egger, Juniorprofessorin für Europäische Kulturanthropologie an der Universität des Saarlandes. Sie spricht über strukturelle und soziale Veränderungen, die mit der Urbanisierung des ländlichen Raums einhergingen, und über unterschiedliche Vorstellungen von Freizeit in Stadt und Land. Die Folge schlägt zudem eine Brücke zur Gegenwart und stellt die Frage, ob frühere Arbeits und Lebensformen nicht auch größere Errungenschaften kannten als unsere heutigen.
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Speaker1: Willkommen bei "Baden Württemberg erzählt. Kulturwissenschaft und Sprachwissenschaft im Dialog". Mein Name ist Valeska Flor. Ich bin Kulturwissenschaftlerin an der Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland am Ludwig Uhland Institut für Empirische Kulturwissenschaft. Mit mir ist wieder Julia Braun, unsere Sprachwissenschaftlerin. Hallo Julia.
Speaker2: Hallo Valeska! Ja, heute geht es um Arbeit und Freizeit und mir kommen da auch so Sachen im Kopf wie 40 Stunden Woche, Work Life Balance usw. Ich bin total gespannt, wie man da als Kulturwissenschaftlerin drauf schaut.
Speaker1: Genau auf solche Fragen legen wir heute tatsächlich Wert bzw werfen eben einen kulturwissenschaftlichen Blick. Wie wurde Arbeit und Freizeit früher verstanden und wie ist es heute und welche neuen Begriffe sind auch dazugekommen? Dazu hören wir, wie die letzten Male auch historische Tonaufnahmen und sprechen darüber, was sie uns über gesellschaftlichen Wandel erzählen.
Speaker2: Genau. Ich bin gespannt, ob ich da irgendwelche Anknüpfungspunkte sehen werde als Sprachwissenschaftlerin, ob ich da auch was dazu zu sagen habe oder ob ich einfach nur staunend hier sitzen werde.
Speaker1: Da bin ich auch gespannt. Bevor wir in die erste historische Aufnahme reinhören, möchte ich unsere heutige Gästin begrüßen. Bei uns ist Simone Egger. Sie ist Juniorprofessorin für Europäische Kulturanthropologie an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit Arbeitskulturen, Alltagsleben und eben auch gesellschaftlichen Wandel, also mit Themen, die perfekt zu unserer heutigen Folge passen. Schön, dass du da bist, Simone.
Speaker3: Ja, vielen lieben Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr.
Speaker1: Gut, dann starten wir doch direkt mit dem ersten historischen O Ton. Die folgende Aufnahme stammt aus dem Jahr 1964 und in ihr hören wir eine Winzerin aus Oberderdingen?
Hörbeispiel: EX: Ja, der Ort sieht ja ziemlich anders aus wahrscheinlich, jetzt?
Hörbeispiel: GP: Ja, ja. Das ist nicht so groß gewesen, nicht. Da sind die neuen Häuser sch-, sind, kaum ist ein neues Haus dort gewesen, nicht, mehr, außerhalb noch. Und (da)nach, durch das Geschäft jetzt wird eben viel gebaut.
Hörbeispiel: EX: Ja, ist da jetzt Industrie drin?
Hörbeispiel: GP: Ja freilich, da werden die Elektroplatten gemacht. […] Ja, ja. Und die Spültische, werden viele Sachen hier gemacht. Da schaffen [= arbeiten] etliche 1.000 Arbeiter. Und haben noch Filialen noch in Sulzfeld drüben und in Eichtersheim. Ja, ja, das ist schon ein großes Geschäft. Und da schaffen jetzt viele, auch Bauernbuben, nicht, und Bauernmädchen. Und früher sind die Bauernmädchen in die Stelle, nicht. Und die Bauernbuben haben halt so – in den Wald und haben Holz gemacht. Und heute geht alles in die Fabrik.
Speaker1: Simone Wir haben jetzt gerade gehört, wie diese Winzerin über eine Veränderung spricht, sprich eine Fabrik, und dass auch Bauernmädchen und Bauernbuben dort arbeiten und nicht mehr im Wald oder in der Landwirtschaft. Was würdest du sagen, lässt sich aus dieser Erzählung Kulturwissenschaftler herauslesen?
Speaker3: Ja, man sieht in der Aufnahme ganz wunderbar, dass sich da eine ganze Menge verändert hat. Vor allem hat sich mal die Art und Weise der Arbeit verändert. Die Bauern waren ja selbstständig. Die Bauernmädchen genauso wie die Baumbuben und hatten ihren Rhythmus, hatten ihren Rhythmus mit den Tieren, wann man aufsteht. Die Kirchturmuhr hat den Rhythmus vorgegeben und jetzt gehen die in die Fabrik, sind nicht mehr selbstständig, sondern sind in Lohnarbeit. Das ist ein ganz anderes Art von Arbeiten. Und das hat natürlich in der Gemeinde dann auch eine ganz andere Dynamik. Viele pendeln auch, wo dann jeweils die Fabriken sind, in die nahe gelegenen Orte. Und viele haben ja auch weiterhin die Landwirtschaft. Und es geht dann so hin und her. Also auch Konsum wird sich darüber verändern. Es gibt auf einmal viel mehr Bargeld, das da vorhanden ist. Und die Fabrik gibt den Ton an und nicht mehr die Landwirtschaft oder das agrarische Jahr. Das ist einfach etwas, was auch das Selbstverständnis sehr verändert. In so einem Dorf.
Speaker1: Hat es auch das Verständnis von Stadt und Land verändert.
Speaker3: Die Fabriken haben sicher dazu beigetragen, dass auch der ländliche Raum stärker urbanisiert wird, dass er dichter wird, dass die Mobilität sich verändert. Viele sind ja zuerst, dann von den kleineren Dörfern in die Städte, auch um dort in der Fabrik zu arbeiten. Damit hat sich auch die Stadtgesellschaft verändert. Aber auch die kleinen Dörfer an sich haben sich verändert, weil einfach auch viel mehr Leute dazugekommen sind. Die Bäuerin redet ja auch davon, dass da mehrere 1000 Gleiche arbeiten. Das heißt, es ziehen neue Leute hinzu und es entstehen jetzt eher so Neubaugebiete. Auch flächenmäßig verändert sich das. Vorstädte werden gebaut, also sowohl strukturell als auch in sozialer Hinsicht findet da ein großer Wandel statt. Zwischen Land und Stadt könnte man sogar sagen.
Speaker2: Jetzt ist ja hier auch die Rede von Bauernmädchen und Bauernbuben. Und ich weiß auch aus anderen Aufnahmen, dass Kinderarbeit auch ein großes Thema war. Auf dem Bauernhof, und das ist ganz selbstverständlich, war das dann, dass man als Kind mitgeholfen hat und dass es dann Winter Schulen gab, wo man dann, wenn man eben nicht so viel auf dem Feld zu schaffen hatte, dass man dann da in die Schule gegangen ist, aber nur im Winter. Weißt du dazu auch irgendwie was oder ab wann was? Von dem Alter ist man in die Fabrik gegangen zum Arbeiten.
Speaker3: Für unsere Verhältnisse ist die Arbeit in früheren Zeiten mit Sicherheit eher Kinderarbeit. Aber man ist ja im insgesamt auch gar nicht so alt geworden. In einem Bauernhof mussten alle Kinder mithelfen, ob es jetzt Kartoffelhacken ist oder Kühe melken, das konnten auch alle Kinder. Also natürlich nicht, wenn sie kleine Kinder sind. Aber sobald sie dann so in Richtung Pubertät kommen, waren sie dann im Grunde schon auch richtige Arbeitskräfte. Und wenn man Heu macht oder all diese Sachen oder die Ernte sonst einbringt, dann war natürlich jede Hand auch gefragt und die der andere ist, man hat ja den Schulabschluss auch gerne zu spät gemacht. Wenn man jetzt acht Jahre in der Volksschule in der Volksschule war, dann war man natürlich auch, sagen wir mal maximal 15 und das wäre ja heute bei uns noch schulpflichtigen Alter. Da hat sich ganz, ganz viel verändert und wir sind aber noch gar nicht so lang. Also wir sind jetzt gar nicht so weit entfernt. So muss ich sagen.
Speaker2: Ich bin da immer komplett schockiert, weil das so eine ganz andere Welt ist, mit der man gar nichts mehr zu tun hat. Ihr Kulturwissenschaftlerin kennt euch da natürlich viel besser aus und das ist irgendwie gar nicht so weit weg.
Speaker1: Ist eben allein in den 80er. Oder ich habe noch Freundinnen, die in den Neunzigern, quasi im letzten Jahr oder vor dem letzten Jahr der Realschule die Schule verlassen haben, um eben mit der Ausbildung zu starten. Zwar mit der Erlaubnis der Eltern war das glaube ich damals, aber es ist wirklich noch gar nicht so lange her. Simone Was ich mich so ein bisschen in der Hinsicht gefragt habe und vielleicht weißt du auch darüber Bescheid. Hatte das auch ein bisschen was mit sozialem Aufstieg zu tun? Diese Fabrikarbeit oder diese Veränderungen von Landwirtschaft hin zu anderen Arbeitsformen?
Speaker3: Also diese anderen Erwerbsformen, die haben natürlich andere Möglichkeiten geboten. Und die anderen Erwerbsformen sind aufgekommen mit der Industrialisierung, vor allen Dingen im Laufe des 19., vor allem im späten 19. Jahrhundert. Und da haben wir gleichzeitig aber auch einen medizinischen Fortschritt. Auf dem Gebiet von Chemie und Physik gibt es große Erkenntnisse. Und es ist so, dass dann natürlich, obwohl das immer noch hoch bleibt, aber auch die Kindersterblichkeit zurückgeht. Jetzt habe ich natürlich mehr Kinder auf so einem Hof. Und dann ist ja auch die Frage, wie die Erbfolge dort geht. Da spielt jetzt der Begriff Heimat eine ganz wichtige Rolle. Das ist ja aus wissenschaftlicher Sicht immer ein zentrales Thema. Aber Heimat meint hier konkret auch ein Recht. Also wer erbt denn dann mal die Heimat? Was für eine Teilung gibt es da in der Erbfolge? Und wenn jetzt bloß der Älteste den Hof kriegt und damit die Heimat Recht? Dann müssten ja sagen wir mal, wenn es zehn Kinder gibt und davon haben sieben überlebt, dann müssten ja sechs sich irgendwo eine Stellung suchen. Und ich habe mir dann auf einem anderen Hof gesucht, als Knecht oder als Magd. Oder Jetzt gibt es eben die Option, dass man auch in die Fabrik geht und das war dann schon. Ähm, ja, vielleicht war das auch eine Form von Freiheit, könnte ich mir vorstellen, wenn ich sage, ich ziehe jetzt in die Stadt und bin jetzt da in der Fabrik und bin auch nicht mehr nur einem, einem Dienstherrn da ausgeliefert, sondern habe auch andere, die da mit mir arbeiten. Ich bin auch nicht mehr so beobachtet wie am Dorf. Es hat viele Möglichkeiten und ein sozialer Aufstieg, wenn ich natürlich plötzlich auch eine Lohntüte bekomme. Am Ende der Woche ist das was anderes, als wenn ich immer sagen muss Vater, gib mir halt jetzt bitte noch Geld oder so was. Bargeld ist ja bei den bei den Bäuerinnen und Bauern üblicherweise jetzt nicht in so großer Zahl vorhanden.
Speaker2: Simone, habe ich dich richtig verstanden, dass Heimat dann ursprünglich eigentlich den Hof gemeint hat nur.
Speaker3: Nicht nur den Hof. Aber das hat eben tatsächlich eine rechtsgeschichtliche Bedeutung, dieser Begriff. Also damit ist tatsächlich auch der Ort gemeint, wo ich das Heimatrecht habe, das heißt, wo wirklich sich jemand um mich auch kümmert, wenn es mir schlecht geht, wo sich jemand kümmert, wenn ich kein Geld mehr habe, wenn ich krank bin und wo ja auch jemand verpflichtet ist, sich darum zu kümmern. Also das ist so eine Mischung aus Wohnrecht, Sozialversorgung und natürlich auch einer emotionalen Bindung, aber die ist jetzt nicht im Gesetz formuliert gewesen und das war im deutschsprachigen Raum also genauso auch in Österreich ganz üblich. Also ich kenne auch nur Gemeinderatsprotokolle, wo dann drinsteht, also aufgrund von Heimatrecht muss man jetzt denen der Familie zum Beispiel was zum Wohngeld noch bezahlen, weil die haben da Anspruch und die haben gerade kein Geld oder jemand ist krank, die muss man jetzt unterstützen. Das heißt, das Heimat Recht war auch was tatsächlich materiell recht kostbares.
Speaker2: Spannend. Ich wage mich jetzt mal in die Kulturwissenschaft. Bin da ein bisschen stümperhaft unterwegs, aber ich habe einen Artikel von Thomas Thiemeyer gelesen und er hat dann ausgeführt, dass dieser Heimatbegriff sich dann erst später geändert hat, also dass er dann so romantisiert wurde und dass man dann von irgendwie einem schönen Dorf oder so ausgeht und schöner Landschaft, das ist dann etwas, was erst später, nach diesem Heimatbegriff, wie du ihn gerade erklärt hast, gekommen ist, oder?
Speaker3: Genau die romantische Idee von Heimat. Das ist etwas, was erst später kommt. Dass Heimat recht ist, was älter ist, das kann man schon mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen. Aber dieses Recht war tatsächlich in vielen Gemeinden eben noch gültig, auch als es schon diese romantischen Vorstellungen von Heimat gab. Und die sind natürlich auch vor allen Dingen im 19. Jahrhundert entstanden, also eigentlich ganz analog zu dieser Industrialisierung und zu dieser Dynamik, die natürlich viele Menschen auch dann zu Heimatlosen gemacht hat. Ja, also im 19. Jahrhundert entstehen auch erst die Großstädte durch Zuzug vom Land und das in ganz großer Zahl. Und diese Leute, die heimatlos waren, die waren dann damit auch erstmal rechtlos. Und für die waren natürlich dann diese Bilder von Alpenpanorama, das aber jetzt gar nicht irgendwie konkret zu verorten ist. Für die waren das dann Sehnsuchtsorte, die auch vielleicht getröstet haben, wenn man sich da einsam fühlt, plötzlich in einer ganz anderen Umgebung.
Speaker1: Genau also diese, diese parallelen Entwicklungen, die wir nachlesen können und wie wir es eben in der EKW, in der empirischen Kulturwissenschaft auch vielfach tun, bedeuten eben auch, mit Begriffen umzugehen und zu schauen okay, wo können sie denn greifbar gemacht werden, wie haben sie sich verändert? Und hier kommen wir vielleicht ganz gut zu einem nächsten Punkt, der dann wieder stärker mit Arbeit zu tun hat, aber eben auch einem veränderten Blick auf sich selbst bzw auf eine Änderung des Selbstverständnisses, was da eine Rolle spielt. Und hier würden wir dann jetzt den nächsten Ausschnitt hören, und zwar von einem Bauern aus Schwieberdingen. Er äußert sich zur Fabrikarbeit und zum Unterschied zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung im Arbeitsalltag.
Hörbeispiel: GP: Aber so, äh – Die, wo eben in die Fabrik gehen, nicht wahr, die stellen sich heute besser wie wir. Bloß müssen die natürlich am morgens da sein, wenn der Omnibus geht. Und das brauchen wir (da)nach nicht. Und, wenn es jetzt (da)nach schneit den Winter, nicht, (da)nach brauchen wir nicht so bald [= früh] aufstehen. Jetzt, bei denen geht eben der Omnibus um sechs, ob es schneien tut oder ob es regnen tut oder ob es 20 Grad Kälte hat, oder nicht. Sie müssen eben da sein, wenn der Omnibus geht, ja. Auf die Art stehen wir auch wieder besser. (Da)nach sind wir (da)nach wieder selbststehender und freier Mann, nicht wahr.
Speaker1: Hier haben wir jetzt eine relativ typische Perspektive auf Arbeit im ländlichen Raum gehört. Zumindest typisch für das, was wir im Arno-Ruoff-Archiv in den Tönen, die wir vorliegend haben, raushören können. Der Bauer vergleicht seine Arbeit mit der von Fabrikarbeiterinnen. Während die Fabrikarbeiter innen mehr verdienen, haben sie weniger selbstbestimmte Zeit für sich und vielleicht auch das, was wir heute unter Freizeit verstehen. Und hier würde mich interessieren, Simone, wie diese selbstbestimmte Zeit, die eben auch nach Routinen orientiert war, wie sich das auf Arbeit ausgewirkt hat, aber eben auch so was wie Freizeit, was ich wahrscheinlich zu der Zeit parallel entwickelt hat.
Speaker3: Ja, der Bauer hat natürlich sieben Tage die Woche zu tun. Die Bäuerin muss im Stall sieben Tage die Woche, weil die Kühe sieben Tage die Woche da sind, und die Tiere müssen gefüttert werden. Und dann fangen die in der Früh an und am Nachmittag spätestens müssen sie wieder in den Stall, um noch mal zu melken. Und es gibt natürlich einen Rhythmus vor. Und gleichzeitig ist ja hier auf dem Land der christliche Glaube so dezentrale Religion. Und eigentlich kann man sagen, dass aus diesen beiden Richtungen ist schon vorgegeben, wie wie von Montag bis Sonntag der Tagesplan aussieht. Die Bäuerinnen und da die Bauern, die haben sich zu orientieren an den Jahreszeiten. Was ist wann zu tun? Wie gesagt, die haben ja immer Arbeit und Wandern. Freizeit ist zum Beispiel Kirchgang oder die hohen katholischen Feiertage. Das passt sich quasi in den gleichen Rhythmus dieses Jahres Laufs ein dass das Landwirtschaftliche Jahr und der katholische Jahreslauf. Die überschneiden sich hier, weil natürlich Erntedank Feier auch im dann zur entsprechenden Jahreszeit stattfindet, wenn die Ernte eingefahren wird usw. Und von dem her ist ganz klar definiert, dass der Kirchgang und vielleicht dass man danach in die Wirtschaft geht usw. Am Sonntag ist es dann Freizeit, aber eigentlich ist dann der Samstag genauso auch ein Werktag. Der hat ja auch den Namen Werktag.
Speaker3: Aber die sind natürlich sehr selbstbestimmt auf dem Bauernhof. Ich kenne das von meinen eigenen Großeltern, die hatten keinen großen Bauernhof, aber die waren im Grunde immer selbstständig. Denen hat niemand eingeredet, jetzt macht das oder das, auch wenn sie sehr viele Aufgaben hatten. Und sobald ich in die Fabrik gehe, bestimmt jemand anders über mich, teilt den Rhythmus ein, sagt, wann ich geholt werde, aber zahlt mir halt auch einen Lohn aus Und. Kommt jetzt drauf an, wie die arbeiten, ob die Schicht arbeiten oder ob die eine sechs Tage Woche dann haben. Durch die vor allen Dingen, ja durch die gewerkschaftliche Arbeit konnte man das ja dann durchsetzen, dass die Wochenarbeitszeit auch sinkt. Nachdem das ja im Laufe des 19. Jahrhunderts erst mal wirklich total eskaliert ist. Und da musste sich das erst einpendeln. Was ist Arbeit, was ist Freizeit? Und selbstverständlich spielt auch da die Frage nach dem Kirchgang und nach den Feiertagen eine große Rolle. Aber es ist dann eben auch eine Errungenschaft zu sagen ne, also nach zehn Stunden ist der Tag jetzt auch mal beendet und es gibt jetzt hier einfach auch eine Pause, oder? Ja, eine Zeit, in der wir bestimmt machen können, was wir wollen, weil Hausarbeit, Arbeit am Hof und so, das läuft ja sowieso immer weiter.
Speaker2: Das erinnert mich jetzt sehr an eine Aufnahme, die wir in der ersten Folge gehört haben. Da haben wir eine 70-jährige Bäuerin und Winzerin uns angehört, die 1899 geboren wurde. Und die hat auch erzählt, dass es eigentlich keinen einzigen freien Tag gab. Und am Sonntag musste man halt irgendwie das Dach flicken und stricken und das auch bis spät in die Nacht.
Speaker3: Es gibt immer was zu tun. Und wenn es. Irgendwann muss man sich ja mal um den Haushalt und diese Sachen kümmern. Das haben wir auch alles selbstverständlich nur gemacht. Ich finde auch ganz interessant, dass zum Teil auch ja eher ärmere Bäuerinnen, die haben ja auch ein Kindermädchen gehabt oder sowas, weil die so bestimmte Sachen konnten, die dann einfach nimmer machen, weil die eh schon so viele Aufgaben zu bewältigen hatten. Aber über das, was dann eigentlich wir heute auch Carearbeit nennen, da wird gar nicht geredet. Und dann die Idee, dass die Bauern dann am besten noch ihre Tracht und alle anderen Dinge auch noch selber machen und das auch noch am Sonntagnachmittag Alles. Das ist natürlich auch so eine schöne volkskundliche Vorstellung gewesen mit dem Blick von der Stadt aufs Land. Aber wenn man wirklich noch mal konkret auf Arbeit zurückkommt, hatten die eine Vielzahl von Aufgaben und die haben nicht geendet. Ja, in einer Tour war da was zu tun, weil wenn, wenn natürlich irgendwie am Wochenende auch am Sonntag das Wetter super ist und ich muss die Ernte einbringen, ja, da kann ich nicht sagen, da fange ich erst am Montag in der Früh wieder an oder wenn die Kuh kalbt oder irgendwie all diese Dinge oder dass andere Schwierigkeiten gibt.
Speaker1: Also entsprechend gab es zu der Zeit gar kein Verständnis von dem, was wir heute Freizeit nennen. Wann würdest du sagen, hat sich das denn geändert?
Speaker3: Diese Idee von Freizeit, die wurde dann tatsächlich erst so ab den 50er Jahren ein konkreteres Thema. Also man kann schon sagen, dass du dann in Zeiten der Bundesrepublik wird es ein großes Thema. Das kann man dann auch auf anderen Ebenen sehen. Also es wird ja dann auch erst in den 70er Jahren zum Beispiel Bafög eingeführt, so dass dann auch Lehrlinge und Studierende die Möglichkeit haben, wirklich mal zu studieren oder auch so was wie Freizeit zu haben. Also das ist da spielt eine ganz, ganz große Rolle und verändert auch total die die Situation. Also was mache ich zu welcher Zeit? Welche Bedeutung hat die Ausbildung und kann ich einfach auch mal irgendwie mich nur rumhängen oder mich irgendwie anders betätigen dann in dieser Zeit? Und für die Bauern ist es so, das hat natürlich auch etwas zu tun dann mit dem auch was habe ich für eine Hofgröße? Ja habe ich da irgendwie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber eigentlich sind die sind die immer sehr, sehr stark eingebunden. Aber ich würde sagen, dass das verändert sich dann auch so. In den 60er, 70er, 80er Jahren, dass man da auch mal vielleicht sagen kann So, jetzt kommt da mal jemand und wir sind jetzt mal ein paar Tage nicht da und können vielleicht auch mal ein bisschen abschalten. Das hat auch was mit den Maschinen zu tun. Natürlich, was da entwickelt wird. Aber auch eine Melkmaschine muss ich halt anlegen, da kann ich nicht. Kommt kein Melkroboter, übernimmt das. Ähm, das heißt Freizeit ist jetzt im im ländlichen Bereich so ein ziemlich relativer Begriff, aber im städtischen Umfeld kann man wirklich sagen, dass das so 60er, 70er Jahre, dass das dann ganz viel größeres Thema wird als je zuvor.
Speaker1: Du hast den Punkt erwähnt, dass diese Modernisierungen, dass auch die Förderung von Auszubildenden und Studierenden durchaus Veränderungen gebracht hat im Hinblick darauf, wie Zeit eben eingeteilt wird. Da passt unsere letzte Tonaufnahme ganz gut dazu, weil es eben mit dieser Zeit, die zur Verfügung steht, ja also nicht nur Freizeit möglich wird, sondern auch es möglich wird, sich anders beruflich weiterzubilden. Im weitesten Sinne. Und in der letzten Tonaufnahme hören wir einen Elektrolehrling aus dem Jahr 1969. Er spricht über seine Arbeit und darüber, warum er die industrielle Massenarbeit ablehnt. Und vielleicht können wir da tatsächlich mal darüber sprechen, wie eben diese Zeit, die zur Verfügung steht, durch diese Entwicklungen, durch diese Transformationen in der Zeit genutzt wird. Bzw wie auch Unterschiede festgemacht werden, wie zum Beispiel Handwerk, Industrie usw.
Hörbeispiel: EX: Ja, und was haben Sie jetzt für eine Arbeit, also was müssen Sie da machen? Zur Kundschaft hinaus, oder?
Hörbeispiel: Nein, nichts, äh, Fernsehen, ja, also, zur Kundschaft auch, zum Teil, Fernseh-Antennen bauen, Antennen ausmessen. Und wenn irgendwo eine Antenne defekt ist, äh, hingehen, den Defekt beheben. […] Und ab und zu mal ins Werk, von wo wir die Fernseher herhaben. Wir haben ja nur von einem Werk die Fernseher, die Werksvertretung. [..] Und dann ist im Geschäft noch, äh, verschiedene Kurse, so über Antennenbau. Und im Geschäft [= Arbeit] hat man ja noch seinen, äh, Meister da, der bringt einem das Sach [= die Sachen] bei, am Fernseher zu arbeiten und wie die elektronischen Dinge arbeiten, alles.
Hörbeispiel: EX: (Das ist) natürlich schon ein kompliziertes Geschäft.
Hörbeispiel: Ja, da muss man halt seinen Kopf haben dabei. Eher sitze ich den ganzen Tag an einen Elektro-Messtisch und – da kann ich auch wieder ein wenig irgendwie was denken und, wenn ich in einer Fabrik stehe, stehe ich am Förderband und mache meine Arbeit Tag für Tag.
Speaker1: Das ist eben ein gutes Beispiel dafür, dass sich nicht nur die Arbeit selbst, sondern auch die Ansprüche an Arbeit sich verändert haben. Bzw vielleicht auch an Zeit, die zur Verfügung steht. Und das hat vielleicht auch mit dem Selbstverständnis zu tun, wie eben auf Arbeit, aber auch auf sich selbst geschaut wurde und vielleicht die Sinnhaftigkeit von dem was getan wird bzw wie Leben ausgerichtet wird. Sprich nicht nur Geld verdienen, sondern auch geistige Erfüllung finden im weitesten Sinne. Simone, was würdest du dazu sagen oder wie würdest du das kulturwissenschaftlich noch mal konkreter Rahmen?
Speaker3: Das ist eine ganz spannende Aufnahme, weil hier der Lehrling ja dann schon ganz klar sagt, wie er sich eigentlich selber sieht und wie er sich selber positioniert. Also der hat da auch ein Reflexionsvermögen entwickelt. Die Frage wir wissen jetzt nicht, ob der Gewerkschaftsmitglied war, zum Beispiel, ob der auch mit anderen über diese Überlegungen gesprochen hat. Und man sieht natürlich dann da auch schon so eine Form von Abgrenzung, man könnte auch sagen Distinktion. Das ist sicherlich auch eine Klassenfrage oder eine Milieufrage, dass man sagt, ich brauche jetzt nicht mehr da einfach nur stehen, ich kann ja auch schon mehr, ich bin jetzt schon ein Facharbeiter. Ja, und der muss sich dann natürlich auch wieder in dem Fall nach unten abgrenzen oder möchte sich abgrenzen und sagen Das ist jetzt schon geschafft, Ich kann jetzt. Dank meiner Ausbildung habe ich schon so einen gewissen sozialen Aufstieg vorzuweisen und dabei ist der ja noch relativ jung. Und deshalb ist es ganz spannend, dass er eben da schon sagt Ich, ich will halt eine Arbeit haben die da nicht so stupide, wo es einfach nur ums Geld geht, obwohl er ja in Anführungszeichen auch einfach nur Geld verdient, wie alle anderen auch.
Speaker2: Ich würde gern was zum sozialen Aufstieg sagen und dem Zusammenhang zur Schule, was nämlich in den 60er und 70er Jahren ganz stark war in Schulen in Deutschland ist die sogenannte Sprachbarrieren, Diskussion und die Idee, dass man, wenn man Dialekt spricht, dass der Dialekt sozusagen eine Barriere darstellt und einen am Bildungserfolg nicht teilhaben lässt oder dass man da nicht so gute Aufstiegschancen hat, was dazu geführt hat, dass viele Kinder dann keinen Dialekt mehr sprechen sollten in der Schule und die dann eben auch oder diese Forderung auch mit harten Mitteln durchgesetzt wurde. Und ich habe mich gefragt, ob du dazu auch was sagen kannst zu diesem sozialen Aufstieg. Ich meine, wir haben ja auch gehört, diese ganzen Aufnahmen, die wir uns angeschaut haben. Da ist Dialekt ganz normal. Das war auch im Hof und im ländlichen Raum ganz normal, dass man Dialekt gesprochen hat, ganz, ganz lange. Und ich frage mich, ob du aus deiner Perspektive vielleicht so ein bisschen sagen kannst, wie wie dieser Punkt zusammenpasst mit dem sozialen Aufstieg. Oder Valeska Vielleicht auch.
Speaker1: Ich würde ergänzen, dass gerade bei der letzten Aufnahme vom Lehrling ja zu hören war, dass da nicht mehr ganz so stark Dialekt zu hören war wie noch in den Aufnahmen zuvor bei den älteren Personen, die wir gehört haben.
Speaker3: Ja, auf dem Bauernhof hat man natürlich niemandem reingeredet. Niemand hat sich da reingeredet, wie man redet. Und wenn ich jetzt in der Fabrik bin und habe so und so viele Kolleginnen und Kollegen plötzlich um mich rum, da muss ich mich ja verständigen können. Also ich sehe das auf zwei Ebenen. Das eine ist, dass dieses Reduzieren von Dialekt tatsächlich auch die Kommunikation Fördert. Also man sieht es. Man kann das auf die Gegenwart ja genauso beziehen. Wenn ich jetzt viele Menschen habe, die eben nicht Deutsch als Muttersprache haben, sondern vielleicht auch erst im späteren Alter gelernt und nicht ich spreche jetzt brutal Dialekt, dann ist das ja wahnsinnig ausgrenzend auch ja, wenn jemand eh schon froh ist, er versteht es jetzt in Deutsch und ich spreche da ganz derb im tiefsten Dialekt, dann funktioniert es natürlich auch nicht untereinander, auch sozial nicht in der Belegschaft. Und das musste aber auch früher schon so sein, weil ja für die Fabriken üblicherweise immer schon Leute aus unterschiedlichen Gegenden dann zusammengekommen sind, die vielleicht auch einen anderen Dialekt gesprochen haben. Das heißt, es hat schon, wenn ich den Dialekt reduziere, hat es auch was damit zu tun, dass ich gegenseitig versuche, eigentlich mich anzunähern und zu kommunizieren. Und auf der anderen Seite ist es so, dass natürlich auch die Firmenleitung. Interesse daran haben muss, dass sie einerseits verstanden wird und andererseits auch die Leute wiederum versteht. Also in dem Moment, wo man, wo es, wo es dichter ist, wo es mehr Leute sind, etwas, was man eher von der Stadt normalerweise kennt.
Speaker3: Aber so ist es eben auch. In der Fabrik muss ich vielleicht auch meine Sprache anpassen, um mit mehr Leuten tatsächlich sprechen zu können und verstanden zu werden. Und dieses, dieses, dieser Versuch, auch das zu reglementieren, wer wann Dialekt spricht, das wurde ja auch als sehr starke, ja als sehr starker Eingriff dann wahrgenommen, weil man sich vielleicht auch über dieses eigene Selbstverständnis so gar nie Gedanken gemacht hat. Bzw. Man hatte das Selbstverständnis. Aber dieses Reflexionsvermögen, na ja, vielleicht erreiche ich mit meiner Sprache gar nicht so viele Leute. Das haben ja ganz viele Leute leider Gottes auch bis heute nicht. Das hat auch wieder mit dem Aufeinandertreffen auf viele andere zu tun, dass ich mich da einfach auch verändern muss, Selbst das heißt, je professioneller ich auch dann beruflich als Facharbeiter in der Fabrik tätig bin, desto mehr muss ich eigentlich mich auch verständlich machen können. Und das heißt, das hat schon auch was mit einem gewissen sozialen Aufstieg zu tun. Auf der anderen Seite sind ja dann in den 50er Jahren auch sehr viele Vertriebene in den Fabriken tätig gewesen und dann kommen ab 55 schon die ersten Gastarbeiterinnen auch. Und da muss man auch irgendeine Form von gemeinsamer Sprache finden. Und wenn man die gar nicht sucht, dann heißt es eigentlich, dass man auch ja eine ziemlich große Exclusion oder Spaltung vorantreibt.
Speaker1: Und das gilt dann ja im Prinzip auch für den Lehrling, der in die Häuser kommt von Menschen, die vielleicht nicht Dialekt sprechen, sei es, weil sie aus anderen Regionen sind, je nachdem, wo das Unternehmen, wo er tätig war, alles hingeht, aber eben auch, dass andere Menschen hinzukommen, sei es die Geflüchteten aus dem Osten oder auch dann die Gastarbeiterinnen, die, wie du sagst, eben ab den 50er Jahren nach Deutschland gekommen sind. Was zentral ist an all den Dingen, die wir bis jetzt gesprochen haben, ist, dass ihr Arbeit wirklich sehr zentral im Leben der Menschen ist. Also irgendwie scheint sich alles um Arbeit zu drehen. Und hier würde mich vielleicht noch interessieren, quasi die, die die neuesten Entwicklungen, Transformationen, das was wir eben als Work Life Balance bezeichnen. Wo würdest du da ansetzen? Also wo hat sich dieses Verständnis entwickelt und führt eben zu dem, wo wir gerade sind?
Speaker3: Ja, es gibt da in den 60er und 70er Jahren vor allen Dingen wirklich auch große Arbeitskämpfe und große Kämpfe darum, wie ich auch als Arbeiter meine Rechte durchsetzen kann. Und ich gehe jetzt deshalb auch ein bisschen weiter zurück, weil ich sehe gar nicht so, dass wir jetzt in einer Zeit leben, die die perfekte Work Life Balance hat. Ich würde sogar eher sagen, wir sind jetzt an dem Punkt, wo man sich fragen muss Hatten wir eigentlich nicht schon mal größere Errungenschaften in unserer Arbeits und Lebenswelt? Das hat auch damit zu tun, dass wir sehr, sehr stark von was geprägt sind, was man heute Subjektivierung der Arbeit nennt. Digitalisierung wirkt sich extrem auf uns aus. Wenn wir jetzt in so einem Dienstleistungsbereich tätig sind, dann sind wir im Grunde wieder wie die Bäuerin, wie der Bauer twenty four seven verfügbar. Und das aber ohne dass uns dann vielleicht Haus und Hof gehört und man dann sagen kann Ich baue jetzt da nur die und die Pause ein, sondern Wir sind in einem viel, viel engeren Korsett. Und zum heutigen Lifestyle gehört auch ja eher zu sagen ich kann das alles händeln ist überhaupt kein Problem mehr. Da brauche ich jetzt keine Gewerkschaft dafür oder sonst irgendwas, sondern diese Frage der Klasse ist ist dann von der Rede von der Work Life Balance in gewisser Weise ein bisschen weggewischt oder verdrängt worden, Obwohl es natürlich eigentlich eine zentrale Frage ist und man sich eigentlich zentral immer wieder darüber nachdenken muss ja, zu welcher Schicht gehöre ich und was ist eigentlich das, was ich durchsetzen kann? Was, was kann ich auch mit anderen durchsetzen, was mir vielleicht dann tatsächlich diese Work Life Balance ermöglicht und nicht dieses Ich bin so eine Einzelkämpferin, ein Einzelkämpfer und muss mich hier durchbeißen.
Speaker3: Wobei das natürlich zu dem passt, was Andreas Reckwitz, der Soziologe, als Singularität bezeichnet. Da geht es dann eher weg von kollektiven Modellen. Um es noch mal zusammenzufassen Es ist schon tatsächlich eher so, dass diese Arbeitskämpfe, die auch eine Solidarität eingefordert haben, der Arbeitnehmerinnen gegenüber den Fabriken, den Firmen, den Chefs, den Leitungen, dass das eher zurückgegangen ist. Und eigentlich war das letzte Beispiel, wo jetzt wirklich was durch gefochten worden ist und keine Kompromisse gemacht wurden, war ja die die Lokomotivführer Gewerkschaft da. Da konnte man das dann sehen, auch in der Medienöffentlichkeit, in der öffentlichen Diskussion. Was das auch bedeuten kann, wenn man gemeinsam für so etwas kämpft wie eine Work Life Balance.
Speaker1: Hat das auch ein bisschen was mit Generationenkonflikten zu tun, weil gerade die. Die aktuellen Diskussionen führen ja oft dahin, dass die Alten in Anführungszeichen was über die Jugend sagt usw.
Speaker3: Also was ich beobachte ist es, dass diese vermeintlichen Generationendiskussionen eher Stellvertreterdiskussionen sind. Aus meiner Sicht ist es so, dass das ganz selbstverständlich ist, dass eine Generation etwas anders macht, möchte sie vielleicht auch wieder in irgendeiner Form abgrenzen. Aber es gibt einfach auch ein Wissen, das sich verändert. Es gibt einen Umgang mit Medien, der sich wandelt. Und wir haben ja auch einen demografischen Wandel, auf den reagiert wird, reagiert werden muss. Und es ist ja immer so, dass eine Generation auch zurückblicken kann und sagen kann okay, so wie ihr das gemacht hat, möchte ich das jetzt vielleicht aber nicht machen. Das ist eigentlich selbstverständlich, aber das ist jetzt auf ausschließlich Generation zurückzuführen. Das finde ich eigentlich zu eng geführt. Ich denke, es ist schon so, dass man einfach das sehen kann. Es gab schon mal für Arbeitnehmerinnen insgesamt in der Gesellschaft gab es schon mal größere Errungenschaften und eine größere Work Life Balance, als es vielleicht heute ist. Wir leben jetzt insgesamt in einer Zeit in der Spätmoderne, wo so vieles gleichzeitig vorhanden und gleichzeitig möglich ist. Dann ist ja doch die Zahl der Krisen und Konflikte deutlich gestiegen, auch in unserem unmittelbaren Umfeld, was uns unmittelbar betrifft bzw was wir vielleicht unmittelbarer mitbekommen. Und ja, da tauchen natürlich dann auch Unsicherheiten auf und die führen ja eher eigentlich zu einem Rückzug auch wieder ins Private. Aber für das Private müsste ich auch wieder Zeit haben. Und das Festhalten an etwas Altem. Das heißt ja eigentlich auch immer ein ganz großes Kennzeichen von Unsicherheit. Und von dem her bin ich mir gar nicht sicher, ob das nur auf eine Generation bezogen ist oder sich nicht auf alle bezieht. Dann kommt ja noch ein Faktor dazu. Sowas kannten wir ja bisher gar nicht. Das ist die Pandemie, die noch mal viele Dinge verändert hat. Auch die Frage, wann ich wie zum Beispiel im Büro anwesend sein muss und ob ich das überhaupt muss in vielen Berufen. Und ich glaube, dass dieses Umstellen zum Beispiel auf Onlineformate das hat sehr viel mehr zur Work Life Balance von sehr vielen Menschen beigetragen als viele andere Dinge.
Speaker1: Auch in Bereichen, die es vorher eben wahrscheinlich nicht gesehen haben. Simone Jetzt haben wir viel gehört, was eben auf die Konzepte Arbeit, Freizeit und alles, was dazwischen angesiedelt werden kann, vor allen Dingen im Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungen, auf Transformationen der letzten Jahrzehnte, aber auch Jahrhunderte gezeigt hat. Würdest du noch einen Punkt nennen, den wir vielleicht noch nicht angesprochen haben? Also gibt es irgendwas, was du spannend findest in dem Bereich, egal ob an die Töne angelehnt oder darüber hinaus, was noch wichtig wäre.
Speaker3: Was ich total spannend finde, ist eigentlich die Frage, was so passiert ist, als dann sich so unterschiedliche Menschen begegnet sind. Das ist so etwas, was man aus den schriftlichen Aufzeichnungen und so fast nicht nachvollziehen kann. Aber das würde mich doch wahnsinnig interessieren, was denn mit so einem Dorf eigentlich passiert ist, wenn da plötzlich irgendwie noch mal 500 Leute mehr gewohnt haben oder wenn, dann eben genau diese Phase ist in den 50er Jahren. Wenn dann die Vertriebenen auf der einen Seite da sind, dann kommen aber auch die Gastarbeiterinnen dazu und plötzlich müssen sich alle irgendwie arrangieren und begegnen sich. Ja, ob sie wollen oder nicht, sie begegnen sich. Und dass diesen in diesen Alltag mal hineinschauen zu wollen, zu können, das finde ich ein wahnsinnig spannendes Moment, auch gerade mit mit Blick auf die heutige Zeit. Also ich kann ja hier in diesen Zeitschnitten was mir jetzt gehört haben, da ist auch unglaublich viel Dynamik drin, unglaublich viel Veränderung, auf dass Menschen immer schon reagiert haben. Und vielleicht ist das auch einfach hilfreich für uns heute, wenn gerade im politischen Diskurs jetzt wieder sehr viel von beharrenden Kräften die Rede ist, oder? Ja, diese Frage war immer schon alles so, wie wir es uns jetzt wünschen oder wie es jetzt ist. Genau. Es war immer schon so in Bewegung, wie es auch heute ist. Und das ist eigentlich der normale Gang der Dinge. Und daran müssten wir uns orientieren und nicht eben an einem festhalten von einer Statik, die es eben gar nicht mehr gibt. Und das spätestens im 19. Jahrhundert. Allerspätestens.
Speaker2: Zu dem, was du am Anfang gesagt hast. Simone, haben wir ja schon so ein bisschen einen Einblick dadurch, dass wir diese Tonbandaufnahmen haben, wo Menschen eben aus dem Alltag auch erzählen und was mir da gerade in den Kopf kommt, ist eine Aufnahme, wo berichtet wird, was passiert ist in der Klasse, wenn fremde Kinder dazu gekommen sind. Und das ist sowas. Das nennt sich Klassenprügel. Also man wurde erst mal verprügelt und man hat generell Fremden auch argwöhnisch gewesen, was man auch an anderen Aufnahmen hört. Und es war jetzt nicht so, dass das Friede Freude, Eierkuchen war.
Speaker3: Bin ich davon ausgegangen, dass es Friede, Freude, Eierkuchen war. Was natürlich eine ganz tolle Quelle, wenn ihr auch dazu Informationen habt. Aber auch jenseits diesem ausschließenden Verhalten muss es ja irgendwo Begegnung gegeben haben. Man muss sich in irgendeiner Art und Weise auch dann doch mal geeinigt haben. Und es hat ja auch einfach was mit dem Dorf gemacht, wenn da noch mal 250, nochmal 500 neue Leute dazukommen und es dauert Zeit. Aber es ist ja daraus dann auch wieder eine neue Gemeinschaft oder eine neue Gesellschaft entstanden. Und das ist im Grunde ja, das sind ganz, ganz ähnliche Entwicklungen, wie das heute ist. Also das lässt sich dann eben vielleicht auch mal überwinden, dieser Argwohn. Natürlich gab es da auch rassistische Ausgrenzung und man wollte die Leute am besten am Ortsrand parken. Das sind alles, sind alles Dinge, die wir heute kennen und die da in der Vergangenheit schon so waren. Aber es muss ja auch den Moment gegeben haben, wo man sich einfach, wie gesagt, Begegnet und auch irgendeine Form von Miteinander entwickelt hat. Und das sieht man ja im Grunde in allen Dörfern und Gemeinden.
Speaker1: Ich würde schon sagen, dass man das wahrscheinlich zumindest aus manchen dieser Aufnahmen aus unserem Archiv sehr gut nachlesen kann, weil es gibt diese Aufnahmen, wo diese Erzählungen vorkommen. Oftmals wurde dann aber auch ein bisschen danach gefragt und wir wissen in der ECW, wenn in der Form gefragt wird, wird natürlich auch Antwort gegeben entsprechend. Und es gibt aber auch Aufnahmen, wo zwar von Fremden gesprochen wird und wo wahrscheinlich die Vertriebenen mit gemeint sind zu dem Zeitpunkt, wo die Aufnahmen stattgefunden haben, aber eher so nebenbei, dass dann plötzlich da die Fremden waren. Und das wäre natürlich wirklich noch spannend, wenn wir uns das mal genauer anschauen und schauen, wie sich das entwickelt hat. Bzw. Es ist ja so, dass eine unserer Kolleginnen, Margret Findeisen, sich mit diesem Kontext ein bisschen stärker beschäftigt und wir haben sie auch schon in einer der Folgen in diesem Podcast gehört.
Speaker2: Genau da hat sie eben auch erzählt, gerade von Erfolgen. Bzw. Wir haben uns auch Erfolgsgeschichten angehört, wie Menschen, die dann hier neu angekommen sind, sich wieder ein Leben neu aufgebaut haben und eben klein angefangen haben und sich dann irgendwann aber auch Maschinen leisten konnten und sich so irgendwie hocharbeiten konnten.
Speaker3: Ja, das ist alles super spannend. So ein anderer Aspekt, der mir aus meiner Forschung noch bekannt ist, den fand ich auch. Sehr aussagekräftig ist, dass man ja auch gar nicht sagen kann, die einen arbeiten jetzt nur in der Fabrik und die andere nur am Bauernhof. Ich kenne eigentlich jetzt tatsächlich eher das so, dass man den Hof auch noch hat und dann aber in die Fabrik geht und das eigentlich sich nicht der der agrarische Lebensstil dann irgendwie völlig ablöst und wird dann zu einem Arbeiter Lebensstil, sondern da gibt es ganz ganz viel Vermischung auch. Ja und dann werden auch Rollen neu verteilt und ich hatte sehr viel auch mit Arbeiterinnen zu tun, die dann in Heimarbeit quasi die Fabrik Arbeit gemacht haben, so dass sie das noch zwischen die Carearbeit, zwischen diese Arbeit am Hof und allen anderen Aufgaben auch noch einbauen konnten, um noch einen zusätzlichen Ertrag zu haben. Und das hat eben auch sehr, sehr stark saisonal geschwankt. Also die Fabrikarbeit war dann auch gar nicht so gleichförmig, sondern wenn dann halt die Aufträge kamen und quasi keine Erntezeit war, dann hat die Fabrik Arbeit mehr Raum eingenommen und wenn am Hof mehr zu tun war, dann hat man eben dem mehr Zeit gewidmet als dieses Hin und her fließen, ineinander übergehen finde ich auch noch wahnsinnig interessant. Jetzt hier im Zusammenhang mit Arbeit im ländlichen Raum.
Speaker1: Super. Ich würde sagen, wir haben jetzt wirklich viel gehört und tolle Einblicke bekommen, sowohl in die Töne, aber eben auch die Themen, die dahinter stehen. Und würde mich daher bei dir bedanken, Simone. Es war schön mit dir zu sprechen und mehr über Arbeit, Freizeit im Wandel mit Schwerpunkt ländlicher Raum, aber eben auch, was es mit der Stadt macht zu hören. Wenn euch diese Folge gefallen hat, lasst uns gerne eine Bewertung da. Teilt sie mit anderen Und wenn es Fragen Anmerkungen gibt, schreibt uns gerne.
Speaker2: Genau. Vielen Dank auch von meiner Seite. Ich habe unheimlich viel gelernt. Es ist einfach immer eine gute Idee, sich mit Kulturwissenschaftler innen zu unterhalten und ich freue mich schon auf die nächste Folge.
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