Folge 3: Wie funktioniert kulturwissenschaftliche Dialektforschung?

Shownotes

🎙️ Folge 3: Wie funktioniert kulturwissenschaftliche Dialektforschung?

Wie wurde Dialektforschung früher betrieben und was hat sie heute mit Kulturwissenschaft zu tun? In dieser Folge nehmen euch Julia Braun und Valeska Flor mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland. Vom Tonbandbus der 1950er Jahre bis zur aktuellen Dialektforschung geht es um Archive, Methoden und Perspektiven.

Zu Gast ist Hubert Klausmann, der über Dialekte, Kulturwandel und die Arbeit mit einem großen Archiv spricht. Thema sind unter anderem alte Wörter wie „Brente“, Märkte als soziale Räume und die Frage, wie aus Tonbandaufnahmen nicht nur ein Sprachatlas, sondern auch Hörbücher, Ausstellungen und Schulprojekte entstanden sind. Die Folge zeigt, was Dialekte über Gesellschaft, Alltag und Region verraten.

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Speaker1: Willkommen bei "Baden Württemberg erzählt. Kulturwissenschaft und Sprachwissenschaft im Dialog". In diesem Podcast erkunden wir, wie Sprache und Kultur miteinander verwoben sind. Mein Name ist Valeska Flor. Ich bin Kulturwissenschaftlerin an der Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland.

Speaker2: Und ich bin Julia Braun. Die Sprachwissenschaftlerin im Projekt. Zu Gast heute ist bei uns Professor Dr. Hubert Klausmann, der langjährige Leiter der Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland. Ja und Hubert, wir freuen uns sehr, dass du dich bereit erklärt hast, heute mit uns ins Gespräch zu kommen. Herzlich willkommen!

Speaker3: Ja, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr.

Speaker1: Gut, dann wollen wir einfach direkt mal starten. Und zwar würde uns zunächst einmal interessieren, mehr über die Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland von dir zu hören. Hubert, du hast diese Arbeitsstelle ja viele Jahre geleitet. Kannst du uns einen Überblick geben über ihre Entstehung und ihre Aufgaben? Vor allen Dingen?

Speaker3: Ja, also angefangen hat die Arbeitsstelle in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, muss man jetzt schon sagen. Und die Aufgabe war eine ganz andere, als wir es heute erleben bei der Arbeitsstelle. Damals hatte man über ganz Deutschland Quadrate gemacht und man wollte in jedem Quadrat drei Einheimische und drei sogenannte Aussiedler aufnehmen, um einen Bestand zu haben über die ganzen Dialekte und sprachlichen Varietäten in Deutschland. Und Arno Ruoff und Hermann Bausinger waren zuständig für Württemberg. Sie haben also dann angefangen, Interviews zu machen. Und mit der Zeit aber war dann doch die Arbeit für Bausinger doch zu stark mit dem Institut verbunden, so dass dann Arno Ruoff alleine weitergemacht hat. Und bald darauf ist auch dieses Zwirner-Projekt zu Ende gegangen und war plötzlich mit den ganzen Aufnahmen alleine und hat dann angefangen ein eigenes Institut zu gründen. Die Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland hat dann die Aufnahmen weitergeführt in Eigenregie, hat immer wieder Geld geholt, so wie das bei Projekten halt üblich ist, von Jahr zu Jahr und hat dann ein riesiges Archiv aufgebaut, um Sprache aufzunehmen. Und zwar... Damals gab es sehr viele Sprachatlanten, die ja sehr gezielt Wörter und Lautungen erforscht haben. Und er wollte etwas machen, was man nicht nur nicht abfragen kann, sondern was man einfach durch Erzählungen, durch freie Rede erforschen kann, nämlich mehr oder weniger Syntax und Stilistik hat er es dann genannt. Das ist der Anfang der Arbeitsstelle Sprache und in Südwestdeutschland. Ja, und dann hat er diese Interviews weitergeführt, auch räumlich weitergeführt nach Vorarlberg, Liechtenstein, ins Bayerische hinein. Und viele Doktoranden haben dann Arbeiten an diesem Institut gemacht.

Speaker2: Ja, vielen, vielen Dank. Wir haben es ja in den letzten Folgen auch schon gehabt vom Arno-Ruoff-Archiv mit den Aufnahmen. Da haben wir auch schon ein paar Beispiele gehört. Es war ja aber, wie du gesagt hast, der Anfang der Arbeitsstelle. Wie ging es denn dann weiter?

Speaker3: Ja, das weiter war immer schwierig bei dieser Arbeitsstelle, wie das so üblich war. Von Jahr zu Jahr mussten wieder Gelder besorgt werden und Ruoff hat aber dann immer wieder auch Schülerinnen und Schüler gefunden, die dann interessante Arbeiten geschrieben haben zu Themen wie Wortbildungen in gesprochener Sprache oder Konjunktiv, in gesprochener Sprache oder auch Entlehnungen aus den französischen Gegenden, die ja zu Württemberg mal gehört haben. Auch da wurden dann Arbeiten gemacht, also sehr viel, auch Statistik. Welche Wörter werden verwendet, wenn man spricht? Was sind die häufigsten Wörter? Also es war eine ganz interessante Arbeitsreihe. Und da hat er dann die Reihe "Idiomatica" gegründet, in der dann diese ganzen Arbeiten dann aufgenommen worden sind. Das ist so dann hat sich über Jahrzehnte hingezogen, bis eines Tages eben dann auch Arno Ruoff in den Ruhestand gegangen ist. Und dann war wirklich auch Ruhe in der Arbeitsstelle und da war nichts mehr da. Und da ist Gott sei Dank, hat der Förderverein Schwäbischer Dialekt dann sich wenigstens um die Aufnahmen gekümmert und hat dann die Aufnahmen auf CDs übertragen lassen, was schon sehr, sehr gut war, denn es ist ein unglaublicher Schatz, das ist ja klar. Wir haben hier die Kulturgeschichte des ganzen Landes in Interviews aufgenommen, sozusagen vorliegen. Und das hat der Förderverein damals wenigstens gemacht. Eine Stelle war zunächst mal keine da.

Speaker2: Also wir wissen ja, dass die Geschichte dann gut ausgegangen ist und es dann irgendwann auch die Möglichkeit gab, dass du angestellt wurdest dort und ein neues großes Projekt gestartet hast, nämlich den SNBW, den Sprachatlas von Nordbaden Württemberg. Kannst du uns dazu vielleicht was erzählen?

Speaker1: Ich würde hier vielleicht noch nachfragen, ob dann genau da der Zeitpunkt war, auch wenn Ruoff und Bausinger vorher schon zusammengearbeitet haben, wo dieser interdisziplinäre Aspekt der Dialektforschung noch mal stärker hervorgekommen ist. Also vor allen Dingen auch dieses Interesse an kulturwissenschaftlicher Dialektforschung. Wir gehen zwar später noch auf die einzelnen Projekte genauer ein, aber wenn du hier diesen Wechsel vielleicht noch mal kurz erläutern könntest, das wäre super.

Speaker3: Ja, der Wechsel kam eigentlich erst mit den neuen Projekten, also unter Ruoff und das war einfach klar. Seine Zielrichtung war eben die gesprochene Sprache und deswegen hat er auch die Aufnahmen so gemacht, dass gesprochen wurde. Also er hat alles mögliche an Anreizen unternommen, damit die Leute reden. Das Kulturwissenschaftliche hat ihn weniger interessiert. Es war einfach und für uns... Aber glücklicherweise haben die Leute halt über was erzählt und über das, was sie erzählt haben, das ist dann natürlich die kulturwissenschaftliche Seite, die dann so interessant ist und die, von der immer klar war, irgendwann muss man das mal bergen, diesen Schatz. Aber das kam eigentlich dann erst in dem neuen Projekt, in der neuen Epoche, sozusagen der Arbeitsstelle. Ich hatte nämlich... Damals war ich in Bayreuth an der Uni und hatte von dort aus Anträge gestellt nach Baden Württemberg. Man sollte mal endlich den Nordteil von Baden Württemberg erforschen. Die Grundlagen, also die Grunddialekte, waren noch nicht erforscht und das war deswegen schade, weil der gesamte oberdeutsche Raum praktisch vom Main bis nach Südtirol erforscht war, denn die Dialekte kannte man und nur diese Lücke fehlte Und somit war auch irgendwie unklar, was eigentlich jetzt mit der Entwicklung der Dialekte passiert. Gehen die jetzt von den Ortsdialekten aus oder vom Standarddeutschen? Oder wie funktioniert das? Und dazu braucht man einfach die Grundlagen. Man braucht den Grunddialekt sozusagen. Und wir haben dann damals ja mehrere Versuche gestartet und schließlich Glück gehabt, dass sozusagen das Schimpfen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde von der damaligen Landesregierung. Ganz maßgeblich war Herr Hubert Wicker, damals Chef von der Staatskanzlei, und hat diese Schimpferei gehört von mir und hat dann gesagt, das Land muss was tun. Und dann war aber die Bedingung, ich sollte von Bayreuth dann nach Baden Württemberg gehen, denn es muss natürlich im Land bleiben.

Speaker3: Und ich habe mich dann für Tübingen entschieden, weil ich Arno Ruoff kannte und wusste, dass da eigentlich eine gute Arbeitsstelle vorhanden ist. Und damals auch schon... Bernhard Tschofen habe ich gekannt durch ein Symposium, das er geleitet hatte, und bei dem ich diese Schimpfkanonade losgelassen habe. Und ja, dann habe ich gefragt in Tübingen, und Bernhard Tschofen war gleich angetan von dieser Idee. Und jetzt kam es zur Verbindung von Sprach- und Kulturwissenschaften. Mit Bernhard war ja klar, dass die Kulturwissenschaften auch eine Seite sein sollte in diesem neuen Projekt. Also haben wir nicht nur die GrundDialekte erforscht in Nordbaden-Württemberg, sondern parallel dazu kulturwissenschaftliche Arbeiten gemacht. Und in dem Fall hat Nina Kim Leonhard zum Beispiel immer wieder auch nach den subjektiven Räumen gefragt, die die Leute haben. Also wie weit geht denn Schwäbisch? Wie weit geht ihr Ortsdialekt? Wo spricht man ganz anders? Warum spricht man dort anders usw. Sie hat ja sehr viele Erhebungen gemacht parallel zu den Dialekterhebungen. Und so kam es zur Verbindung von Kultur- und Sprachwissenschaft. Und das waren dann vier Jahre, die wir Zeit hatten, das zu machen. Das war eine verdammt geringe Zeit. Also Sprachatlas-Projekte gehen meistens 20 Jahre. Aber man nimmt das, was man kriegt. Das ist so meine Devise. Man kann nicht jammern und dann nicht annehmen, sondern wenn man was kriegt, dann muss man es machen. Und ich hatte den Vorteil, dass ich schon den Sprachatlas von Vorarlberg gemacht hatte und wusste, wo man einsparen kann, wo man Zeit gewinnen kann, wo man was weglassen kann. Und in der Hinsicht haben wir da natürlich auch sehr viel Zeit gewonnen in der Vorbereitung. Die war relativ kurz, so dass dann die drei gleich loslegen konnten, Nina Kim Leonhard, Rebekka Bürkle und Rudolf Bühler.

Speaker1: Vielleicht nur kurz als Ergänzung von mir: Bernhard Tschofen, früher Professor am Institut für Empirische Kulturwissenschaft, also Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft und mittlerweile in Zürich. Also für alle, die ihn nicht kennen oder nicht genau kennen, wie es in Tübingen ausgesehen hat.

Speaker2: Hubert, für die Hörerinnen und Hörer, denen jetzt Sprachatlas nicht wirklich was sagt. Kannst du uns vielleicht erklären, wie ist es, wenn ich jetzt zum Beispiel Basisdialekt sprechen würde und du zu mir kommst, um den Sprachatlas zu erheben. Mit was muss ich denn da rechnen? Also, was würdest du machen? Welche Daten würdest du abfragen? Wie würde das denn so funktionieren?

Speaker3: Ja, Sprachatlanten funktionieren eigentlich immer auf dieselbe Art und Weise. Man hat einen Fragebuch, das an die Region angepasst ist und in diesem Fragebuch geht es nach Sachkapiteln zu. Das heißt, man sucht dann Personen, die bereit sind, mit einem zu sprechen. Das ist natürlich schon mal eine Voraussetzung und das klappt aber sehr gut, weil wir das immer über die Ortsvorsteherinnen und Ortsvorsteher machen, die uns immer helfen. Entweder machen sie es selber, wenn sie kompetent sind, oder sie wissen Personen, die da gerne was beitragen würden. Wir gehen dann zu denen nach Hause, meistens und teilen es auf. So ein Fragebuch ist sehr lang und sehr anstrengend, so dass man sagt ja, mit der Person machen wir eine Stunde, mit der Person machen wir zwei, maximal zwei Stunden. Mehr geht nicht. Man ist auch selber erschöpft und dann fragt man das Fragebuch durch. Und in diesem Fragebuch sind halt alle Themen versteckt, sozusagen. Also es geht ums Lautliche, es geht um die Wortbildung, es geht selten um Syntax. Das ist schwierig zu machen, aber natürlich auch um Wortschatz. Und man fragt dann zum Beispiel: Ah, jetzt geh mal zum menschlichen Körper, das geht von oben nach unten. Dann beginnt es eben bei den Haaren, den Augen und riechen tut man mit der Nase. Also wir tun dann ein bisschen umschreiben und essen tun wir mit dem Mund, kommt dann und die Leute antworten dann immer in die Lücke hinein.

Speaker3: Wir schreiben das sofort auf, nehmen es aber auch gleichzeitig noch mit dem Tonbandgerät auf. Heutzutage ist es kein Problem. Zu Anfangszeiten war das ein Riesenproblem. Die mussten damals mit einem VW-Aufnahmebus rumfahren. Das war natürlich schon schlimm, mit so einem Ding auf den Hof zu kommen. Und wir hatten natürlich schon das den Vorteil, dass wir das kleine Aufnahmegerät hatten, das genauso groß war damals wie ein Handy, heutzutage das Smartphone. Und wenn man dann einen, dann macht man dieses Fragebuch in allen Ortschaften, damit man das vergleichen kann und dann geht man die Nummern durch der Fragebuchnummern und sagt: Ja, hier haben wir die Lösung, da haben wir die Lösung. Wir haben es dann meistens so gemacht, dass man die 160 Ortschaften untereinander geschrieben haben. Also die Frage 160 eins zum Beispiel immer die Antworten untereinander. Dann sieht man sehr schön, was rauskommt und macht sich Gedanken, wie man daraus eine Karte erstellen kann. Und das ist das Ziel eines Sprachatlas. Dann, dass man eine Karte macht. Auf den und auf den Karten sind dann die Phänomene in räumlicher Verteilung kartiert und damit bekommt man ein sehr schönes Bild, wenn man durch so einen Atlas hindurchgeht, durch seine Hunderten von Karten, von der Sprachlandschaft, die aufgenommen worden ist. Und da wir Gott sei Dank im oberdeutschen Raum alle nach demselben Verfahren arbeiten, auch dieselbe Transkription haben, lassen sich die Ergebnisse sehr gut vergleichen.

Speaker1: Wir werden euch auch Karten einmal verlinken, damit ihr seht, wie diese Karten ausschauen.

Speaker2: Ja, das ist eine gute Idee. Bei uns geht es ja jetzt im Podcast auch um den Strukturwandel in Baden-Württemberg. Was denkst du denn? Hubert? Kann man das denn auch am Sprachatlas erkennen? Also wenn man sich die Sprache anschaut, zum Beispiel verloren gegangene Wörter habt ihr da also ja auch erhoben. Oder Wörter, die man jetzt heutzutage vielleicht nicht mehr kennt, die aus dem landwirtschaftlichen Bereich stammen. Fallen dir da ein paar Beispiele ein oder wie könnte man sonst den Strukturwandel vielleicht noch beschreiben, den man dem Sprachatlas sieht?

Speaker3: Ja, natürlich haben wir ja verschiedene Gruppen, kann man einteilen. Also es gibt Wörter, die ich zum Beispiel als in Baden-Württemberg nicht mehr abgefragt habe, weil der Abstand zu Vorarlberg, zur Schweiz schon zu groß war. Das sind dann Wörter, wo man einfach sagen muss, die hatten vor 30 Jahren bei ihren Erhebungen noch Personen, die wussten über bestimmte Dinge, zum Beispiel Waschen mit Aschenlauge. Das ist so ein Beispiel gewesen. Das kannte man in Vorarlberg noch überall in den 70er Jahren. Das war bei uns gar nicht mehr möglich. Wir haben es nach einer Woche dann weggelassen. Schon die Fragerei, das sind Dinge. Aber dann habe ich auch sehr viel Sachen weggelassen, etwa den Leiterwagen, weil ich weiß, das dauert erstens sehr lange, zweitens bringt es nichts, weil in ganz Süddeutschland überall dieselben Bezeichnungen vorhanden sind. Aber interessant sind natürlich Gefäße, weil man die immer noch kennt, und die werden oft anders verwendet als früher. Also wenn man früher die die Sau noch selber geschlachtet hat, dann gab es große Gefäße und diese Gefäße sind noch vorhanden. Man verwendet sie jetzt vielleicht als Kinderbadewanne oder sonst was. Und das ist interessant. Wir fragen dann diese Gefäße ab, bekommen Wörter und bekommen dann Wörter oftmals, die dann wieder weggehen vom Gefäß und dann als Schimpfwort erhalten bleiben. Ein schönes Beispiel für mich ist immer das Wort "Brente". Das ist ein altes romanisches Reliktwort, das weitverbreitet war und auch in Süddeutschland und das dann in ganz verschiedenen Bedeutungen gelandet ist. Bis zum Schlittenaufsatz eines Schlittens also auch wieder ein Gefäß wäre, sozusagen. Und irgendwann wussten die Leute gar nichts mehr anzufangen mit diesem Wort und haben gesagt Ja, das ist ein Schimpfwort für eine alte Person. Da sieht man so einen Strukturwandel. Wörter werden oft noch gekannt, aber man weiß die Bedeutung nicht mehr und fängt dann an herumzuspielen.

Speaker3: Oft ist es in der Situation auch so, dass die Leute etwas antworten wollen, aber ebenso in Schimpfwörter. Die bleiben dann oft, manchmal noch da, bleiben die Wörter noch erhalten. Also solche Bedeutungsverschiebungen. Das ist eigentlich das Interessante, was wir dann beim Sprachatlas noch so herausbekommen. Ja, ja, ansonsten natürlich. Inhaltlich hört man sehr viel, aber auch über das Sprechen selber ist zum Beispiel sehr interessant. Also wir haben jetzt in jüngerer Zeit wieder Interviews durchgeführt und haben festgestellt, dass es eben nicht mehr so leicht ist, als außenstehende Person von der Uni kommend mit den Leuten im Dialekt zu sprechen. Also das heißt, die Leute wussten zwar, dass wir von ihnen das gerne wollten, da sich der Sprachatlas ich dann einfacher, weil wir nach Wörtern fragen und und da geht es dann schon, dann schalten sie um. Aber wenn wir es gern möchten, dass Sie mit uns eine Erzählung bringen wie zu Ruoffs Zeiten und zu sagen jetzt erzählen Sie mal von früher oder so, und dann ist es heute fast nicht mehr möglich, dass die Leute uns im Dialekt antworten. Also das ist ein sehr interessantes Phänomen, das ich mir erst jetzt bewusst geworden die letzten Jahre durch die neuen Interviews, weil man eben dann keinen Fehler machen darf. Man darf nicht dann sagen, das ist ein Lautwandel passiert von früher auf heute, sondern Nein, nein, das ist ein Registerwandel. Passiert, Ja. Der Dialekt ist heute etwas für den familiären Bereich und ich als forschende Person gehöre nicht zum familiären Bereich. Also spricht man mit mir Regionalsprache. Also das sind so Dinge, auf die muss man unbedingt achten, sonst macht man ganz schlechte Ergebnisse. Eigentlich falsche Ergebnisse. Man bringt dann etwas heraus, was gar nicht stimmt.

Speaker1: Wir haben dahingehend tatsächlich auch ein bisschen was vorbereitet. Wie in den letzten Folgen auch haben wir ein paar Beispiele rausgesucht aus dem Arno-Ruoff-Archiv. Und du hattest ja eben schon kurz erwähnt, dass diese Aufnahmen zum einen eben viel Möglichkeiten bieten, um sprachwissenschaftlich zu forschen, aber eben auch kulturwissenschaftlich, weil es Erzählungen sind. Und darum geht es jetzt in dem nächsten Beispiel vor allen Dingen. Sprich was erzählen uns die Aufnahmen? Und wir würden jetzt gerne eben aus dieser Sammlung ein Beispiel aus Oppelsbohm anhören von 1964. Die Aufnahme ist erfolgt mit einem Sprecher, einem Bauern, der 1895 geboren wurde. Und hier hören wir jetzt einen kurzen Ausschnitt, wo es thematisch darum geht, einen Markt zu besuchen bzw. Wie der Weg hin zum Markt ist.

Audiobeispiel 1: Ha – [Räuspern] Auf den Markt sind die Leute schon, nicht. Wir haben hier auch einen Markt, jetzt, schon etliche Jahre, zwei Mal im Jahr. Ja. Zum Beispiel meine Schwieger [= Schwiegermutter] gerade ist da von Necklinsberg gewesen. Die hat 200 Eier hineingetragen von Necklinsberg nach Winnenden auf dem Kopf, ungehoben [= ohne sie zu halten], ungehoben. Das sollte heute auch eines machen. [Lachen] Tatsächlich. Da haben sie so einen Bausch [= gepolsterter Tragring] gehabt, also so ein, so einen runden Bausch, nicht wahr, und da sind Spreuer [= Kornhülsen] drin gewesen. Nicht, das ist vielleicht so dick gewesen. Und in, und in der Mitte ist er hohl gewesen, und das hat (da)nach, nicht wahr, gut gehoben [= gehalten] auf dem Kopf. Da haben – und (da)nach haben die, mit dem Kopf haben die balanciert, da.

Speaker1: Hubert, könntest du uns vielleicht kurz noch ein bisschen was sagen, was wir im Hinblick auf Dialektforschung von dieser Aufnahme herausfinden können?

Speaker3: Ja, bei dieser Aufnahme hört man natürlich erst mal ganz genau hin. Hört sie sich zwei, drei Mal an und stellt dann fest, dass hier einige schwäbische Elemente ganz klar vorhanden sind und zum Beispiel der Diphthong dieses ei, das wir nennen das mittelhochdeutsch langes i, das wird hier gesprochen, aber eben auch sehr schön, das gwea/gwäa, also die Vergangenheit gewesen. Typisch schwäbischer, schwäbisches Partizip, dann Oier, und und dass die Eier, also der Diphthong. Wir haben in der Sprachwissenschaft immer wieder als Bezugssystem das Mittelhochdeutsche, weil die Dialekte eben aus dem Mittelhochdeutschen kommen und nicht aus dem Hochdeutschen. Und deswegen müssen wir immer wieder nachgucken, wie war denn das mittelhochdeutsche Ausgangswort? Und dementsprechend machen wir dann so kleine Gesetze und sagen Ja, aus einem i wird ein ei, und aus dem u wird ein ou, und aus einem ei wird ein oi oder so, und wenn wir das dann durchgehen, dann können wir festhalten, woher die Person kommt. Und hier haben wir es natürlich mit einer ganz klaren schwäbischen Mundart zu tun. Und dann könnten wir jetzt ins Detail gehen und nehmen den Sprachatlas und schauen uns dann im Sprachatlas bestimmte Phänomene an, also zum Beispiel dieses gwea, gwäa. Wo gilt dies Im Schwäbischen? Es gibt ja auch Gegenden, wo man gwest, gwäst sagt für gewesen. Also zum Beispiel im Raum Ellwangen, Ostalb da oben, der Fall. Und dann guckt man sich an, wo das ei, also nicht Eier, sondern Oier sagt, Dann gheebt das lange E oder was noch alles gehabt. Man schaut einfach dann bestimmte Lautungen durch und wenn man das hat, dann kann man die Person sogar eingrenzen, wo sie also her ist. Und in dem Fall haben wir es meines Erachtens hier mit einer Grundmundart zu tun. Eindeutig durchgehend. Ich habe jetzt gar nichts gehört, dass da irgendwas aus der Standardsprache reingerutscht ist. Auch der Märkt ist sehr schön in dem Fall. Also auch das ist eine Lautung statt Markt, dass man Märkt sagt, die ganz klar zur Grundmundart gehört. So etwas würde man dann vorgehen um diese, dieses Beispiel, dieses kleine Beispiel bereits etwas zu analysieren.

Speaker2: Schön fand ich auch, dass wir jetzt so ein verlorenes Wort da auch dabei hatten. Unter anderem "Bausch" ist jetzt ein Wort, was mir und meiner Generation, denke ich, nichts mehr sagen würde. So wie ich es verstanden habe, ist es irgendein Tragegerät, was man auf dem Kopf trägt. Hubert, ist es so, oder?

Speaker3: Ja, ich glaube, das ist also auf dem Kopf ist wie so eine Art, so habe ich es verstanden jetzt, ein, ein wie ein Kranz. Ja, so ein, so ein Etwas, wo dann die Eier nicht rausfallen können. Also das Phänomen ist ja wirklich schon großartig. Die Frau trägt die Eier auf dem Kopf. Und wer immer so schön sagt auch schön im Grunddialekt õgheebt. Also ohne dass er mit den Händen nach oben greift und die Eier hält, sondern ungehoben/ungehebt sozusagen. Ähm, das ist also. Ja, habe ich selber nie mehr erlebt. Sie selbst als Kind nicht. Also das ist schon eine sehr, sehr archaische Methode, aber eben umso schöner. Hier hat man auch wieder ein ja, wenn man so will, einen Kulturwandel. So gehen die Leute schon in den 70er Jahren nicht mehr auf den Markt, wie er es erzählt. Überhaupt, das ist ja auch interessant. Wie gehen die Leute auf dem Markt, welche Möglichkeiten haben sie heute? Auch das erzählen ja die, die die Geschichten, die gebracht werden, auch sehr viel. Also ich finde auch das, was wir in den Hörbüchern haben, auch da immer wieder wird der Wandel thematisiert. Am Anfang wird man pitschnass, wenn man auf den Markt geht, ist den ganzen Tag in nassen Klamotten auf dem Markt und dann kommt der Bus und dann kommt das eigene Auto usw. Und dann wird es immer besser. Also auch das ist interessant, wie so Kleinigkeiten nebenbei erzählt werden und die dann zeigen, wie was ist, wie sich die Welt inzwischen verändert hat.

Speaker1: Und gerade aus kulturwissenschaftlicher Sicht sind Märkte ein tolles Thema, das wir uns anschauen können, weil sie also Märkte grundsätzlich nicht nur eine wirtschaftliche Funktion haben, sondern vor allen Dingen auch gesellschaftliche, historische, symbolische Dimensionen aufweisen, die hier auch nachzulesen sind. Auch an so einem kleinen Beispiel oder auch weiteren Beispielen, die auf den Hörbüchern zu hören sind, weil es da eingeordnet wird, wie Menschen, die zum Markt wollten, um dort Produkte zu verkaufen, die in der Landwirtschaft produziert worden sind, in irgendeiner Form. Und da ging die Frau als Marktsteherin zu Fuß und brauchte irgendwie eine Möglichkeit, um die Produkte auch zu transportieren. Und darüber hinaus sind Märkte eben grundsätzlich als soziale Räume anzusehen, wo Interaktion stattfindet zwischen den Händler:innen, zwischen den Besuchenden und Kaufenden und nicht nur im Hinblick auf Ökonomien, sondern auch ganz alltäglich Teil unseres Lebensalltags. Und das im Wandel der Zeit. Wir haben aber jetzt gerade durch das Beispiel und auch durch deine Ausführungen schon einiges über die Hörbücher gehört und wir würden jetzt gerne mal die wichtigsten Projekte der Arbeitsstelle zentrieren. Die Wanderausstellung, die Hörbücher, vielleicht auch das Schulprojekt oder die Schulprojekte, weil es ja jetzt mehrere sind. Und da würde uns interessieren, auch weil hier jetzt eben genau diese sprachwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Vernetzung oder Zusammenarbeit immer konkreter wurde in diesen Projekten, was du uns zu diesen einzelnen Projekten erzählen kannst. Vor allen Dingen im Hinblick auf die dahinterliegenden Themen, auf Fragestellungen und vielleicht auch Probleme, die aufgekommen sind und weshalb die Arbeitsstelle auch immer weiter existiert hat und diese Probleme auch angegangen wurden.

Speaker3: Ja, gerne. Die Arbeitsstelle hat sich unglaublich verändert und weiterentwickelt. Also zunächst mal war es ja nur dieser Sprachatlas und ich hatte eigentlich gedacht, nach drei Jahren ist Schluss. Wir haben noch ein, wie gesagt ein Jahr bekommen Verlängerung, aber auch nur so auf Minimalbasis und dann war Feierabend und ich hatte dann angefangen, schon so erste Karten selber zu zeichnen, weil ein Atlas muss ja auch irgendwie veröffentlicht werden. Auch das Gott sei Dank schon digital war, hatten wir das gedacht, dass man das macht für Geld. Geld für Publikation war nicht vorhanden. Und dann hatten wir überlegt, wie geht es weiter? Und ich hatte dann damals mit dem damaligen Dekan, aber auch mit Bernhard Johler [Korrektur des Namen durch die Redaktion: Reinhard Johler ist hier gemeint], dann ein Besuch beim Ministerium, das ganz arg schwierig war, bei dem wir richtig abserviert wurden und man hat uns aber beim Rausgehen dann gesagt, wir sollten einfach einen neuen Antrag stellen. Also wir können mit den alten Sachen nicht weitermachen. Und da fiel dann das Wort Digitalisierung. Und das war damals ein Zauberwort. Da muss ich schon sagen. Und dann war uns klar, wir könnten ja den Sprachatlas digital veröffentlichen und wir bräuchten dazu aber einen Informatiker. Und dann haben wir überlegt Digitalisierung, Das machen wir jetzt aber ganz groß. Und im Zentrum soll jetzt das Archiv stehen. Wir möchten gerne das Archiv digitalisieren mit den ganzen Aufnahmen und dann den Sprachatlas digitalisieren und digital veröffentlicht und auch noch einen sprechenden Sprachatlas machen. Da wir ja einen Informatiker hatten, wollten wir den natürlich auch möglichst gut nutzen.

Speaker3: Und so ist das Ganze plötzlich ganz breit gestaltet worden. Ganz viel weiter, als es ursprünglich mit diesem Atlasprojekt. Und jetzt kamen wir zum Schwerpunkt Digitalisierung des Archivs. Der Atlas war praktisch nur noch so eine Art Endprodukt. Damit das abgeschlossen wird. Aber die Digitalisierung stand jetzt im Zentrum. Und da war das Glück, dass wir mit Mirjam Nast eine Kulturwissenschaftlerin dabei hatten, die also dann diese Aufnahmen ganz gezielt auf kulturwissenschaftliches Interesse untersucht hat. Wir haben dann die Aufnahmen von Baden-Württemberg alle noch mal übersetzt und und dann mit Kommentaren versehen, aber auch Kommentare sowohl sprachwissenschaftlich als auch kulturwissenschaftlicher Seite. Wir haben da anfangs noch ein bisschen getüftelt, weil wir nicht wussten, wie wollen wir es machen. Es ist ja dann immer ganz wichtig, finde ich, dass man schaut, was andere schon gemacht haben, damit man nichts Neues erfinden muss. Und wir sind damals nach Zürich gefahren und haben bei den Schweizer Kollegen gefragt, wie sie denn digitalisieren. Und haben dann selber ein paar Versuche gemacht und kamen dann darauf. Es hat keinen Wert, das mit dem Computer zu machen, der dann Übersetzungen, die schon unter Ruoff gemacht worden sind, dass man die dann einscannt und der Computer korrigiert die. Wir haben ein paar Versuche gemacht. Das war so kompliziert, das war mit so vielen Fehlern behaftet, dass das eintippen, neue eintippen viel schneller war als das mit dem Computer. Und dann haben wir das gemacht und haben das sozusagen in Mannheim beim Institut für deutsche Sprache eine Software bekommen, mit der wir dann die Digitalisierung durchführen können.

Speaker3: Und dann haben wir dann zu, äh, ja zu dritt diese Arbeit durchgeführt, auch mit Kontra lesen. Also ich habe dann alle Übersetzungen immer noch im Bus damals gelesen, auf der Heimfahrt. Ähm und äh und Miriam hat sich auch ein Register erstellt. Und so kamen wir dann dazu, dass wir sowohl den Sprachatlas an digital hatten, am Ende aber auch einen sprechenden Sprachatlas. Dank unseres Informatikers Andreas Ganzenmüller, der eine volle Stelle hatte damals. Das war eigentlich ungewöhnlich. Meistens gibt es nur halbe Stellen, aber er hat mit dieser vollen Stelle tolle Arbeit geleistet und hat dann eben auch noch mit dem sprechenden Sprachatlas ein schönes Projekt gemacht für die Öffentlichkeit. Denn wir wollten immer auch etwas für die Öffentlichkeit tun und dann mit der Wander.... Und dann kam eben mit der Digitalisierung die Idee, eigentlich könnte man doch mal was Kulturwissenschaftliches machen mit dem Arno-Ruoff-Archiv. Und da haben wir beim Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz angefragt, ob sie nicht uns da ein Hörbuch-Projekt finanzieren, was sie getan haben. Und so hat dann Miriam vor allen Dingen aus den Aufnahmen ein paar Themen herausgenommen und hat diese Themen dann mal chronologisch beschrieben. Mit Originalaufnahmen hat sie kommentiert und ich habe dazu immer die Aufnahmen dann sprachwissenschaftlich kommentiert, so dass wir hier zum Ersten Mal eine sehr schöne Kombination hatten von Sprach und Kulturwissenschaft.

Speaker3: Und dieses Hörbuch hatten wir dann abgeschlossen und hatten dann das Glück, dass wir noch ein zweites Hörbuch machen konnten und das war sozusagen eine sehr, sehr schöne Kombination. Und dann kam es zur dritten Kombination, nämlich zu einer Wanderausstellung, bei der wir immer gesagt hatten eigentlich ist es so mühselig, wir fahren durch die ganzen Länder, durch die ganzen Lande sagen und erzählen, auch bei Vorträgen wie das ist mit Sprache und mit Kultur usw. wir versuchen jetzt das, was wir im Hörbuch gemacht haben, auf Stellwände zu projizieren und haben das dann in der Coronazeit gemacht. Wirklich in Fernbeziehung sozusagen mit unserer Grafikdesignerin. Und das war eine sehr schöne Zusammenarbeit, so dass wir dann einiges vom Hörbuch in die Tafeln der Wanderausstellung gestellt haben, aber auch die sprachwissenschaftliche Seite mit eigenen Stellwänden. Und so kam es zu einer Wanderausstellung von 15 Stellwänden, die wir seither unglaublich erfolgreich im Land und sogar nach Berlin schon gezeigt haben. Also das ist so diese unglaubliche Entwicklung, die plötzlich passiert, dass aus Null, wenn man so will. Also man hat uns wirklich eigentlich es war zu Ende und dann ging es plötzlich wieder ganz neu los und ganz groß. Und das war wirklich die, die der Anfang dieser Kombination und von der geben wir inzwischen nicht mehr weg. Kultur- und Sprachwissenschaft arbeiten zusammen seither. Und so kam es dann noch zu weiteren Projekten, auf die ich dann vielleicht noch gleich eingehen werde.

Speaker1: Zum Übergang würde ich jetzt gerne noch mal eine zweite Aufnahme einspielen, die auch aus dem zweiten Hörbuch stammt. Zum Einkaufen. Und vielleicht können wir da wieder so ein bisschen sowohl über Sprache als auch Kultur sprechen, um das noch ein bisschen begreifbarer zu machen für unsere Hörer:innen. Und zwar hören wir jetzt einen kurzen Ausschnitt von einer Sprecherin aus Tübingen. Die Aufnahme ist 1961 entstanden und die Sprecherin ist 1939 geboren.

Audiobeispiel 2 - Sprecherin: Ja, nun, es ist so, also meistens kauft meine Mama ein, nämlich die.. weil ich meistens im Amt bin so werktags. Manchmal sage ich ihr, dass ich die ganze Taschen da in den Läden stehen lassen soll und so, dass ich so um zwölf bzw. abends um halb sechs mitbringe, wenn ich vom Abend nach Hause komme.

Audiobeispiel 2 - Sprecher: In was für Läden?

Audiobeispiel 2 - Sprecherin: Ja, also meistens in so kleineren Lädchen. Bin eigentlich nicht so sehr für Selbstbedienungsläden.

Audiobeispiel 2 - Sprecher: Was gefällt mir daran nicht?

Audiobeispiel 2 - Sprecherin: Ja, also zunächst mal es ist so, wenn man da nur eine Kleinigkeit will, dann muss man da immer so einen Korb nehmen und da durch den Laden da latschen. Und das sieht meistens ein bisschen komisch aus, wenn man da mit so einem kleinen Fläschchen da durch die Gegend geht. Also ich gehe gerne in so kleinere Läden, da bekommt man ja genauso einen Rabatt wie in den Selbstbedienungsläden.

Speaker1: Wir haben diese Aufnahme jetzt wirklich sehr bewusst ausgewählt, auch weil sie so unterschiedlich zu der ersten ist, die wir heute gehört haben. Julia und ich haben schon häufiger darüber gesprochen, dass wir einen komplett anderen Blick oder ein anderes Hören anwenden, wenn wir diese Aufnahmen hören. Julia Eben. Absolut sprachwissenschaftlich erstmal und ich eben kulturwissenschaftlich, weil ich total spannend finde, also direkt beim ersten Hören, was einfach alles drin vorkommt. Aber vielleicht erzählst du einmal, warum auch diese Aufnahme es ins Hörbuch geschafft hat und wie du als Sprachwissenschaftler damit umgehst, vor allen Dingen im Hinblick auf Dialekt, aber auch darüber hinaus.

Speaker3: Ja, die Aufnahme hat es geschafft, weil sie soll auch ein bisschen das Spektrum zeigen von gesprochener Sprache, also Ruoffs Interesse war nicht, den Ortsdialekt zu kriegen, sondern er wollte die Leute reden lassen, wenn es möglich war in ihrer normalen Sprache. Das war halt damals in den 50er, 60er Jahren noch sehr oft der Ortsdialekt und aber er ist auch in die Städte gegangen und das ist auch für uns dann wichtig gewesen, dass wir auch bei unserer Sprachforschung, beim Sprachatlas in die Städte gegangen sind. Also alle Nord-Baden-württembergischen Städte sind im Atlas drin, und wir wollten sie nicht weglassen, sondern wir wollten einfach wissen, was von den Phänomenen, die man im Umland kennt denn in der Stadt vorhanden sind oder nicht mehr vorhanden sind. Und deswegen gehört es einfach zum Sprachalltag dazu. Und ich finde, das war damals eine sehr schöne Erfindung von Bernhard Tschofen, unser Projekt immer Sprachalltag zu nennen. Sprachalltag 1, Sprachalltag 2. Wir wollen den Sprachalltag in seiner ganzen Facette zeigen und dazu gehört eben auch diese Aufnahme dazu, die nicht mehr Grundmundart Tübingen ist, sondern das ist jetzt nun wirklich eine regionale Standardsprache. Also die Frau bemüht sich sehr stark in Standard zu sprechen. Es rutscht ihr manchmal was raus, aber eben allein schon die Betonung der Infinitivendungen.

Speaker3: Das ist sehr untypisch auch für eine Regionalsprache. Also sie ist da wirklich schon in einer Ebene, wo man zwischen Regionalsprache und Standard irgendwo was suchen könnte. Sie diphthongiert auch nicht auf schwäbische Art. Sie vermeidet auch offene e-Lautungen usw. Also das ist ganz interessant, dass sie sieht wirklich sehr städtisch, würde ich sagen. Spricht und Aber eben das gehört dazu zu unserer Welt, dass es auch diese Sprache gibt und deswegen ist es auch wichtig, dass sie dabei ist. Also es ist auch manchmal so, dass uns immer wieder vorgeworfen wird, wenn man sagt, Ja, ich beschäftige mich mit Dialekten, das ist doch ein alter Zopf, das darf man nicht mehr tun, das ist doch rückwärtsgewandt usw. Also man muss immer wissen, warum man was macht. Und unser Ansatz war ja damals, mit dem Sprachatlas eben die Grundlagen zu haben, damit wir wissen, von was wir ausgehen, wenn die Leute nicht mehr Dialekt sprechen. Das ist doch ganz wichtig. Ich muss doch wissen, woher kommt dieser Laut? Er kommt ja von der Stadt. Oder kommt er vom Nachbardialekt? Oder kommt er von der Standardsprache? Oder woher kommt er? Und? Und dann kann man eben schauen, das ist jetzt, glaube ich, das, was wir jetzt heute auch in den letzten Jahren getan haben an der Arbeitsstelle, dass wir uns diesen neueren Richtungen, diesen neuen Registern sozusagen gewidmet haben, dass wir auch versucht haben, die mit hineinzuziehen und auch auch natürlich ganz alles, was um sie herum passiert.

Speaker3: Also über Bewertungen und und wie die Leute dazu stehen, zur Sprache und wie sie sich dann ändert. Also all diese Dinge, die haben wir jetzt dann aufnehmen können, aber auch nur, weil wir halt jetzt die Grundlagen haben. Ich will es immer so vergleichen ohne, ohne Keller oder heute werden oft keine Keller mehr gebaut. Also ohne Bodenplatte geht nichts beim Hausbau. Und das sind bei uns die Grunddialekte. Wenn man die nicht kennt, bleibt alles nur reine Spekulation. So, und deswegen diese Aufnahme muss hinein. Finde ich gut. Sie zeigt natürlich auch hier muss man schon sagen, die Aufnahme ist kulturwissenschaftlich interessanter als sprachwissenschaftlich zweifellos. Also das ist von Mirjam sehr schön ausgesucht gewesen. Dieses Thema Markt fand ich auch persönlich unglaublich spannend, muss ich wirklich sagen. Also es war spannend im richtigen Sinne. Also heute ist ja sonst alles spannend, aber dies ist wirklich ein richtig tolles Thema. Also ich kann das nur wärmstens empfehlen.

Speaker1: Und man sieht ja eben aus diesen beiden wirklich kurzen, immer unter einer Minute gebliebenen Beispielen, hört man schon ganz, ganz viel raus. Also wie sich Einkaufsverhalten im weitesten Sinne einfach verändert hat, durch äußere Bedingungen, aber auch neue Möglichkeiten, durch Globalisierung, grundsätzliche Transformationsprozesse, neue Produkte, die auf den Markt gekommen sind, Erleichterungen durch Erfindungen, eben nicht mehr die Eier mit dem Bauch transportieren, sondern in anderer Form usw. Und das liest sich eben an so kleinen Beispielen tatsächlich sehr gut heraus.

Speaker3: Ja, ich finde auch das Schöne bei den Ruoff-Aufnahmen ist, dass man eben auch eine Art Kulturgeschichte, ich will jetzt nicht sagen von unten sieht, aber es ist eine Kulturgeschichte des Alltags. Also das ist auch für uns so interessant, dann auch zu hören, wie die Leute von damals bestimmte Dinge erlebt haben, die wir heute ganz anders sehen. Für mich ist zum Beispiel sehr interessant gewesen, wie die Leute damals die Fabrikarbeit gelobt haben, wie sie toll fanden, dass in der Fabrik arbeiten konnten. Für uns würde sie sagen: "Wie kann die nur das gut finden?" Aber aus ihrer Sicht damals war das ein Riesenfortschritt, in der Fabrik arbeiten zu können, nicht mehr in den Stall zu müssen, sondern eine klare Uhrzeit zu haben. Und klare Möglichkeiten auch das mit der Kinderbetreuung damals durchzuführen. Also das waren für mich so positive Erzählungen. Die, die für mich wichtig waren, weil ich gemerkt habe, wir sehen das manchmal aus unserem Blick ganz anders und nicht so wie die Leute damals.

Speaker2: Ja, vielleicht dazu. Ich habe mich sehr gewundert, als ich diese Aufnahme von gerade eben zum Ersten Mal angehört habe, weil ich dachte, sie redet ja vom Selbstbedienungsladen und meint damit aber eigentlich so was, was wir heute ganz normal als einen Supermarkt bezeichnen würden. Soweit ich das jetzt verstanden habe, dass man mit einem Einkaufskorb da durchläuft und es war ihr aber irgendwie unangenehm, weil sie dann vielleicht auch sagt, wenn sie dann nur eine oder zwei Sachen drin liegen hat, dann ist das irgendwie so komisch. Und für uns ist es ja ganz normal.

Speaker1: Genau. Aber auch da kann man dann eben rauslesen, wir erinnern uns alle an die Selbstbedienungskassen, als die eingeführt worden sind. Vielleicht nicht alle, aber viele erinnern sich daran, dass es da eine große Diskussion darum gab, ob es gut ist, ohne Interaktion mit den Kassierer:innen im Supermarkt auszukommen. Und genau das sieht man halt daran auch, dieser Wandel, der sich festmachen lässt. Früher vermutlich eben kleine Dorfläden, Tante Emma Läden, wie sie früher genannt worden sind, wo wirklich jemand am Tresen an der Kasse stand und die Dinge rausgesucht hat oder nur ganz bedingt selber Sachen rausgesucht wurden, hin zum Supermarkt, wie wir ihn alle heute kennen. Eben diese großen oder relativ großen Supermärkte, wo man sich alles mit Einkaufswagen oder Korb selber raussucht, eben wie sich das verändert hat und wie auch im Alltag. Und gerade deshalb ist die kulturwissenschaftliche Dialektforschung, glaube ich, ganz gut im Ludwig-Uhland-Institut angesiedelt, weil es da in der Empirischen Kulturwissenschaft vor allen Dingen um Alltagsforschung geht und was wir im Alltag über Themen, die wir mit dem Begriff Kultur festmachen können, herausfinden können. Und das sieht man an so einem kleinen Beispiel.

Speaker3: Ja, es ist schon wirklich interessant. Ich kann mich noch daran erinnern, als Kinder wie da die größeren Supermärkte aufgemacht haben. Das war schon eine ganz andere Welt. Und wie du es gerade sagst, man ist halt früher auch bei Lebensmittelgeschäften in einen kleinen Laden gegangen und hat da sich bedienen lassen. So wie man heute beim Metzger noch steht, so ist man damals eben auch in den anderen Läden gewesen. Oder Drogerieladen zum Beispiel weiß ich noch sehr gut bei uns. Das war ein wirklich kleiner Laden, da geht man hin und da war der Drogist im weißen Kittel und hat einem dann die Sachen besorgt. Später hat er selber dann den ersten Supermarkt in Anführungszeichen aufgemacht, indem er vielleicht doppelt so groß, dann die Fläche hatte und dann ist man mit so einem Körbchen rumgelaufen. Und das ist das, was die Frau gerade beschreibt und auch zeigt eben, dass hier etwas im Umbruch ist und wie man dazu steht. Auch das immer so interessant. Wie stehen die Leute zu solchen Dingen und wie korrigieren sie sich teilweise auch? Also es gibt eine sehr schöne Aufnahme im Archiv über den ersten Fernseher und da regt sich eben auch der Mann auf, dass da jemand kommt und den Fernseher an seinen Sohn verkauft. Und er lehnt es ab, dass dieser Fernseher bei ihm in die Stube kommt, sondern da muss eine Etage höher zum Sohn. Und jetzt am Schluss sagt er dann eben: "Und jetzt muss ich jedes Mal die Treppe hinauf, um die Nachrichten zu schauen, weil das so interessant ist, was da in der Welt passiert."

Speaker3: Also da sieht man auch wiederum das sehr schön, dieser Umbruch, ja erst Ablehnung und dann das Positive doch erkennen. Also das ist das Tolle an den Aufnahmen. Man könnte jetzt 1.000 solche Beispiele bringen. Es ist einfach ein großartiges Archiv und ich bin sehr, sehr froh und dankbar auch. Und ich finde auch, das Land kann dankbar sein, dass wir dieses Digitalisierungsprojekt bekommen haben, weil man jetzt eben mithilfe auch von Mirjam Nast Register Arbeiten machen kann zu verschiedenen Themen. Also wenn jemand sagt, ich interessiere mich für dieses Thema oder für jedes Thema, dann muss die Person das eintippen und dann kommen die Aufnahmen raus. Man muss nicht ein ganzes Jahr Tonbänder anhören, um rauszufinden, wo finde ich zu dem Thema war, sondern ich habe das beieinander. Das finde ich natürlich eine ganz tolle Sache. Und da kann das Land, werde ich sagen, da haben Sie das Geld gut angelegt, das Archiv zu digitalisieren und auch die Übersetzung schon zu haben, auch mit Suchmaschinen reinzugehen. Also auch für uns, wenn man Aufnahmen macht, Wir können gleich die Aufnahme herausnehmen für Vorträge und und haben die Übersetzung dabei. Also das ist einfach ein Riesengewinn und ich glaube, sie hat zwischen 40 und 50 Schlagwörter herausgeholt und so haben wir genügend Material, um die Kulturgeschichte des Landes Baden-Württemberg von Leuten erzählen zu lassen.

Speaker2: Ja, vielen Dank für den Einblick. Vielleicht können wir jetzt noch mal was ganz anderes besprechen, und zwar die Zukunft der kulturwissenschaftlichen Dialektforschung. Also was denkst du denn, sind Projekte, die da realisiert werden sollten? Oder wie ist überhaupt die Entwicklung? Vielleicht in diesem interdisziplinären Feld?

Speaker3: Ja, in den letzten Jahren haben wir unser Feld noch mal erweitert und sind noch mal einen Schritt weitergegangen. Denn jetzt kam auch die Frage auf, ja, was passiert eigentlich mit dem Sprechen, mit den Dialekten? Gibt es das überhaupt noch im Land? Und da hat man auch diese Dialektinitiative des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, der da auch uns sozusagen angestopft hat und den ich ja beraten hatte. Und da war uns dann auch in den Gesprächen mit ihm immer die Frage gekommen, ja, wie viele Leute reden eigentlich noch Dialekt? Und was spricht man dann, wenn man nicht mehr Dialekt spricht? Und wie sieht es eigentlich aus mit der Aufklärung? Wir hatten ja diese Wanderausstellung gemacht und immer wieder erweitert, um die Leute aufzuklären, was, was Sprache ist, was Dialekte sind. Und dann habe ich einerseits Untersuchungen mal gemacht und habe Ortsvorsteherinnen und Ortsvorsteher in Baden-Württemberg gefragt, wie denn bei ihnen gesprochen wird. Im Freundeskreis, beim Sport, im Verein, auf dem Rathaus, auf dem Landratsamt usw. und dann haben wir aber auch mal die Schulbücher untersucht, mit Frank Janke zusammen, wie man über Dialekt überhaupt aufgeklärt wird und Standardsprache in der Schule. Und da war das Ergebnis katastrophal, das muss man ganz eindeutig sagen. Das ist in Bayern bereits vor uns gemacht worden. Wir hatten uns also diese Idee dann da kopiert und haben dann dasselbe Negative bekommen. Das heißt, im Dialekt weiß man eigentlich nicht Bescheid, und zwar deswegen, weil, glaube ich, viele in der Schule glauben, sie wissen Bescheid. Und wir hatten dann einfach mal alle Schulbücher untersucht.

Speaker3: Man muss. Das ist so ein Ansatz der aufgeklärten, der moderneren Sprachkritik von Uwe Pörksen und [?], ein Kollege und Lehrer von mir von früher, die eigentlich immer diesen Ansatz hatten. Wenn man was kritisiert, muss man erst mal schauen, was vorhanden ist. Und dann haben wir die ganzen Sprachbücher angeschaut, Frank Janle und ich kamen zum Schluss, die Aufgaben sind schlecht gestellt, entweder gar nicht oder noch so, dass man noch mehr Vorurteile hat beim Dialekt. Dann haben wir Gegenvorschläge gemacht als Aufgaben und dann war auch gesagt, wir müssen eigentlich noch einen Schritt weitergehen. Wir müssen den Lehrerinnen und Lehrern die Sachen noch besser präsentieren und sie aufklären. Und in der heutigen Zeit kann man unglaublich viel mit Bild und Ton machen und haben dann ein Projekt noch mal initiiert bei der Stihlstiftung. Die hatte uns bereits eine Grundschuluntersuchung finanziert, bei der wir nachgeguckt haben, was können die Kinder eigentlich noch in der ersten und zweiten Klasse? Was sprechen die? Aber auch was sprechen die Lehrerinnen und Lehrer? Das waren sehr, sehr interessante Untersuchungen, auch aus Bayern bereits mit Kindergärten gemacht und wir haben das mit Grundschulen gemacht. Und wir haben dann gesagt, das Ergebnis von all diesen Untersuchungen muss sein, dass wir neues Material brauchen für die Schulen, und zwar ein Material, das digital verfügbar ist, fertig sein muss. Und es schwebte uns immer vor, so eine Art Webseite zu kreieren oder Podcasts zu machen. Ja, und dann kam es wiederum dazu, bei der Stihlstiftung anzufragen.

Speaker3: Die waren sofort begeistert. Und dann war das Glück, dass inzwischen ja auch die Nachfolger am Institut durch euch beide geregelt war. Was natürlich ein Riesenglück war, das muss man schon sagen. Zwei feste Stellen. Damit wird endlich die Forschung stabil auf die nächsten Jahre hin sein. Und neben diesen festen Stellen war natürlich auch wichtig, dass man noch Projekte macht. Und dieses Projekt "Dialekt und Du" habt ihr dann benannt und ich glaube, das geht genau in die richtige Richtung. Die Stihlstiftung war dabei und nun bin ich sehr gespannt, wie es dann in dem Jahr in einem guten Jahr dann sein wird. Denn jetzt seid ihr dabei, dieses Projekt zu füllen. Und ich glaube, es ist völlig richtig, Man darf nicht mehr mit irgendwelchen Lehrerheftchen in die Schulen gehen und aufklären, sondern man muss modernes Material bringen, lebendiges Material, authentisches Material. Und das ist das, was eben heute möglich ist. Und die Grundlagen sind vorhanden. Und umso schöner, dass es dieses Projekt gibt. Also da sieht man, der Weg ist unglaublich weit gegangen vom Zwirner-Korpus aus den 50er Jahren bis heute zu Dialekt und Du und dem Podcast auch, dass ihr nun mit dem Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz gemacht habt. Auch das zeigt eben, wie der Weg gegangen ist. Und ich finde, das ist ein großartiger Weg. Also ich finde es toll, was da passiert ist und ich freue mich, dass wir ja mit vieler Unterstützung von verschiedenen Personen in der Arbeitsstelle diesen Weg gehen konnten.

Speaker2: Ja, wir werden euch auch gerne noch die Infos zum Dialekt und Du-Projekt in den Show Notes verlinken. Einfach für diejenigen von euch, die da Interesse haben, noch mehr dazu zu erfahren. Ich würde jetzt aber sagen vielleicht zum Abschluss Hubert, gibt es vielleicht noch eine Aufnahme, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist? Vielleicht eine aus dem Hörbuch oder eine, mit der du auf andere Weise gearbeitet hast in deinen Vorträgen, die du vielleicht mit uns teilen könntest.

Speaker1: Und vielleicht ergänzend dazu, wo du festmachst, warum sie dir in Erinnerung geblieben ist, ganz persönlich. Also was dich an der Aufnahme einfach begeistert.

Speaker3: Ja, eine sehr schwierige Frage, weil man so viele Aufnahmen im Kopf hat. Also ich habe ja schon diese eine Aufnahme von der einen Aufnahme erzählt, aus Alfdorf ist die meines Erachtens, mit dem Fernseher und die finde ich ganz toll, weil sie eben sowohl kulturwissenschaftlich interessant ist. Und da gehe ich natürlich als Laie dann dran und sage Mensch, ist das toll, wie wie der Mann sich verändert hat, wie der Mann plötzlich den Fernseher, der ihn verdammt hat, plötzlich positiv sieht und das auch eingesteht. Und auch sehr schön sprachlich diese Aufnahme. Also es ist eine Aufnahme, die ich sehr gerne verwende. Eine andere Aufnahme von einem Feldhüter, der sehr auch im Grunddialekt spricht und der eben erzählt, wie er auf die Leute aufgepasst hat, dass die Leute nicht die Flure kaputt machen. Und er als Feldhüter war damals eingestellt. Das kennt man ja heute gar nicht mehr, diesen Beruf. Heute gibt es keinen Feldhüter mehr. Aber er erzählt, wie die Bauern eben dann immer wieder versucht haben beim Nachbar noch ein Stück abzufelgen, sozusagen abzupflügen, um damit das dann noch im gehört zu sagen. Wenn man so will modern einen Grenzversetzung vollziehen und oder eben um selber was einzusparen beim Nachbar wenden oder mit der den Dreck hat und nicht man selber und so Sachen. Also auch da zeigt sich dieses Zwischenmenschliche, diese Probleme, die da manchmal auftauchen. Diese Erzählung hat mich übrigens ganz stark an an die Geschichten von [?] erinnert und an Romeo und Julia auf dem Dorf.

Speaker3: Ich weiß nicht, ob man diese Geschichte noch kennt, aber diese Geschichte erzählt ja letztendlich auch so. Ja, am schlimmsten sind eben die Bauern selber, sagt er dann und erzählt auch sehr schön im alten Grunddialekt. Die Bauern selber, die eben dann am Schluss noch eine eine Kehre machen auf einem anderen Grundstück usw. Also das sind so Dinge, die mir in Erinnerung geblieben. Sehr viele, natürlich viele, viele Geschichten aus dem Schwarzwald, ganz besonders mit dem Heiler, wo die Leute dann vom Heiler erzählen, also von einem Menschen, zu dem sie gegangen sind, wenn sie mit den Krankheiten nicht mehr selber klar kamen, weil der Arzt sowieso viel zu weit weg war. Da war ich vier Stunden zu Fuß oder sechs Stunden zu Fuß weg und im Winter war gar nicht mehr möglich, zu einem Arzt zu kommen. Also hat man sich selber helfen müssen. Und in Baiersbronn gab es da so einen, einen Heiler, einen Morlock, so hieß der. Und die Leute erzählen dann erst mal vorsichtig, sagen es gab keinen und dann doch. Und da hat mir zum Beispiel fasziniert, wie man so nach und nach die Wahrheit rausrückt beim Erzählen, wie die Leute Scheu haben, erst mal darüber zu erzählen. Und dann aber kommen sie doch und erzählen sehr lebhaft. Und sicherlich, eben, das sind dann Fantasiegeschichten, die es natürlich so nicht gab. Und wenn, dann erzählen sie davon, dass es in den in dem Raum hat haben Ketten gerasselt.

Speaker3: Also der Teufel hatte ja Ketten und das heißt der Teufel selber war anwesend in ihrer Vorstellung also. Aber dann auch wieder dieses ganz Einfache. Bei solchen Erzählungen, der Mensch und das Vieh haben dasselbe bekommen und beide sind gesund geworden. Also war ich dann oft das Ende von solchen Geschichten. Also das sind so so Sachen. Geschichten, die ja, die, die auch gut erzählt sind, also auch das muss man ja sagen, man kann. Das Tolle an an diesem Archiv ist, dass manche Leute grandios erzählen können. Also richtig was sagen. Literaturreif mit Höhepunkt, Einführung und Höhepunkt und und Abschluss. Also auch das sind so bestimmte Aufnahmen. Sprachlich interessant finde ich zum Beispiel eine Aufnahme, bei der Arno Ruoff Pech hatte. Er ist zu einem offiziellen Obstbaumpfleger geraten. Und diese Obstbaumpfleger spricht nun immer in Standarddeutsch, den man im ganzen Vortrag wie man die Obstbäume pflegen muss, wie man sie schneiden muss, wie man es machen muss. Und er ist nicht wegzubringen von dieser standardsprachlichen Vortragssprache. Also man merkt richtig, der Mann ist jetzt in der Rolle eines Vortragenden. Der ist jetzt hier bei den Obstbauern und hält den Vortrag bei der Fortbildung sozusagen. Und dann gelingt es Ruoff mit einem kleinen Zwischenbemerkung Das Jetzt kriegen Sie die Autobahn in Merklingen und dann kippt er um in einen Dialekt. Ja, das finde ich ganz interessant. Plötzlich wird es ganz persönlich. Ja, Autobahn. Jetzt was ganz Neues. Der Vortrag ist weg und das sind so Dinge, die finde ich eigentlich sehr schön, finde ich.

Speaker3: Immer dieser Wechsel zwischen den Registern. Also da könnte man ewig erzählen. Ein Kind, das vom Theater erzählt hat, hat ja sehr oft auch Kinder mit aufgenommen. Und das Kind erzählt von einem Theaterstück, bei dem es mitgemacht hat. Und es wechselt immer, wenn es vom Theaterstück spielt und daraus was was zitiert, dann wechselt es in die andere Sprachebene. Und dann erzählt das Kind wieder weiter in der anderen Sprachebene. Und das macht das Kind ganz automatisch. Und das finde ich auch toll, dass man das einfach erlebt. Und das Schöne an diesen ganzen Aufnahmen ist eben auch für mich als Sprachwissenschaftler. Deswegen haben mich die Dialekte interessiert. Die Leute reden, wie sie reden, sie werden nicht von uns gesteuert. Wir sagen ihnen nicht die Grammatik ist so, sie müssen jetzt so reden, sondern die reden einfach und sie brechen vielleicht mit einer Grammatik und sie brechen vielleicht mit einem Gesetz, das wir gefunden haben, als Dialektforscher und denken Was? Warum ändert die Person jetzt zum Beispiel die Lautung? Warum sagt sie nicht mehr Bled für blind? Sie sagt doch Ket für Kind und ved für Wind. Aber dann ist mir völlig klar Das sagt nicht mehr bled für blind, weil blöd auch blöd heißt. Und blöd und blind dürfen nicht laut gleich sein. Das geht nicht. Das empfinden die Leute als störend und deswegen machen sie hier das Gesetz wieder rückgängig. Das sind tolle Sachen.

Speaker1: Super. Also da haben wir jetzt wirklich viele tolle Beispiele gehört, auf denen wir in Zukunft auch aufbauen werden. Also da sind Sie ja auch schon verwendet worden für die Hörbücher für die Wanderausstellung. Wir werden aber in der Arbeitsstelle auch immer wieder auf das Archiv zurückkommen. Gerade eben, wie du es erzählt hast. Weil es so viel hergibt. Weil es einfach eine tolle Basis ist, um in den nächsten Jahren weiter zu arbeiten. Gut, das war unsere heutige Folge speziell zur Tübinger Arbeitsstelle für Sprache in Südwestdeutschland des Podcasts Baden Württemberg erzählt. Vielen Dank Hubert, für diese tollen Einblicke, die du uns gegeben hast.

Speaker3: Sehr gerne und ich wünsche euch einfach viel, viel Glück, viel Erfolg bei der weiteren Arbeit an der Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland. Vielen Dank für euer Interesse.

Speaker1: Dankeschön! Dann, wenn euch diese Episode gefallen hat, teilt sie gerne, hinterlasst eine Bewertung und dann hören wir uns bei der nächsten Folge.

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